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Fitnesstagebuch – Das Zeitproblem. Oh und das Problem mit der Waage

Mittwoch, September 1st, 2010

Der größte Feind der Motivation ist der Termin, das Ereignis, das Wochenende. Und das, was nach dem Wochenende kommt. Denn wenn du drei Tage lang frierend auf einem Campingplatz sitzt, dich sogar insgeheim danach sehnst, jetzt in Ruhe, fernab von Dixiklos und dem Suff zu trainieren, zu schwitzen statt zu frieren, dann kann es sein, dass du nach diesen drei Tagen wieder nach Hause kommst, und dich erstmal hinlegen musst. Tagelang. Tagelang musst du erstmal da liegen, in eine warme Decke eingepackt, in maximal-gemütlicher Stellung, ab und zu hebt sich träge dein Arm, denn du musst nach dem Teller mit den Pizza-Achteln greifen, die du genüsslich zu Dutzenden in dich reinschiebst. Njam.

Eine nie gekannte und selten erlebte Faulheit legt sich über deine kleine, frische, neu geborene sportliche Mentalität und drückt sie nieder um sie im schlimmsten Falle für immer dem Erdboden gleich zu machen.

Und so kommt es, dass dann zwischen deinem letzten Fitnessstudiobesuch und deinem nächsten Fitnessstudiobesuch zwölf Tage liegen.

Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste sind die Entscheidungen, die du an diesem Tag triffst. Zum Beispiel, dass du mal auf die Waage steigen könntest, die da so rumsteht. Manchmal siehst du fröhliche Menschen auf der Waage stehen, die dabei jubeln und singen und strahlen und einfach rundherum glücklich aussehen. Fuck you in die Fresse, das willst du auch. Also stellst du dich da drauf. Und was passiert? Nun, du bist nicht glücklich dabei und du strahlst auch nicht.

Nein, du stehst auf dieser Waage, guckt dir die Kiloangabe an, die sie anzeigt und greifst in Gedanken schon wieder nach dem Teller mit den Pizza-Achteln, weil dir in diesem Moment schmerzlich bewusst wird, dass das Leben sinnlos ist, dass Sport tödlich ist, dass du eh dick und schwabbelig bist und es keinen Ausweg ausdermisereherrgottnochmalwarum BRINGST DU DICH NICHT EINFACH GLEICH AUF DER STELLE UM?!!!

Du erlebst dein ganz persönliches Waterloo, denn dein Gewicht zeigt an erster Stelle nicht mehr die 5. Seit zehn Jahren steht da an erster Stelle eine 5. Du erinnerst dich, wie du damals einen Koller bekommen hast, als hinter der 5 mal eine 7 stand. Jetzt steht da eine 6. Eine 6 0 Komma 5.

Der Engel auf deiner Schulter weist dich mit sanfter Stimme darauf hin, dass es schön ist, dass du drei, vier Kilo an Muskelmasse zugenommen hast, schon nach sechs Wochen Fitnessstudio. “Bravo, Franzi!”, säuselt es, “Du bist auf einem richtig guten Weg. Es ist die Muskelmasse, Franzi, die Muskelmasse. Sieh nur, dein Arsch entfernt sich nicht mehr vom Rest deines Körpers, du bist in der Form deines Lebens!”

Der Teufel hält sich währenddessen den Bauch vor Lachen. Unter Keuchen und mit Lachtränen in den Augen weist er dich darauf hin, dass du einfach fetter geworden bist, daran besteht kein Zweifel, irgendwo muss die Pizza ja hin. Und das ganze Bier. Von wegen Muskelmasse. Vier Kilo pures Fett sind dazu gekommen. Was für ein Glück ich habe, dass die aktuelle Mode mir mit überweiten Blusen und Oberteilen die oberhalb der Knie enden, entgegen kommt, sodass ich meine massige, überwältigende Körpermitte niemandem zeigen muss.

Die beiden diskutieren noch eine Weile. Ich steige derweil mit gesenktem Kopf von der Waage runter. Auf dem Weg in die Umkleidekabine greife ich apathisch in das Glas voller Salzsstangen, die ich mir mit traurigem Blick in den Mund schiebe. Mitleidig werde ich von den anderen Mitgliedern angeschaut, jemand klopft mir leicht auf die Schulter und ich meine jemanden aus der Ferne “Kopf hoch, Dickes!” rufen zu hören.

Beim Weg über den Parkplatz gehe ich in Gedanken alle äußerlichen Gemeinsamkeiten zwischen mir und Cindy aus Marzahn durch. Die Welt hat sich gegen mich gestellt. Ich bin in den Grundfesten meiner Seele erschüttert und zugleich gelähmt.

Rund eine Woche später habe ich den Schreck beinahe wieder überwunden. Nachdem ich meiner Mutter davon erzählt habe, sagte sie: “Aber du fühlst dich nicht fett, du fühlst dich nicht so, oder?” Das hat mich unheimlich gut drauf gebracht. Nein, ich fühl mich nicht fett. Ich fühl mich wie 59 Kilo, nicht wie 60,5. Ihr Arschlöcher!!!! So!!!!

Ich werde weitermachen.

Unsichtbare Lebensfreude.

Donnerstag, August 26th, 2010

Auf abgeschirmt, einem Blog, den ich neulich entdeckte und für ziemlich ziemlich gut befand, ist zur Zeit der Beitrag “Du bist so hässlich wie das, was du sagst” zu lesen. Ein guter, ehrlicher Beitrag mit einem allgegenwärtigen Thema: Schönheitsideale und das Bewusstsein für den eigenen Körper, Wohlbefinden, auch wenn man nicht zu den Superschönen gehört, die zu beurteilen ohnehin eine sehr subjektive Angelegenheit ist.

Das Thema ist schwierig. Ich habe Komplexe, was mein eigenes Aussehen betrifft. Und ich glaube, das liegt zum Teil an mir selbst, zum Teil aber auch an meinem Umfeld. Und ich habe diese Komplexe nicht, weil ich mich irgendwie hässlich finde oder so. Ich finde mich gar nicht mal richtig hässlich. Ich finde mich sogar trotz meiner kränklichen Blässe, meinen lächerlichen dünnen, widerspenstigen Haaren und meinen wirklich ganz offensichtlichen Schönheitsfehlern manchmal schöner als einige andere. Ich habe nur dieses eine große Problem, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Die Gesellschaft erwartet Lebensfreude von anderen. Das tut sie, ohne zu wissen, was für den anderen Lebensfreude überhaupt ist. Die Gesellschaft erwartet auch, dass Lebensfreude sich immer durch strahlende Augen, einem Lächeln und positive Ausstrahlung äußert.

Lebensfreude ist für diese Welt bis zu einer gewissen Grenze sehr eng mit Schönheit verbunden,glaube ich. Und das ist auf der einen Seite richtig, denn es heißt, dass auch Menschen, die unter objektiven Gesichtspunkten nicht dem “Ideal” entsprechen irgendwie “schön” sind. Nicht für alle, aber für viele.

Während einige da draußen sich in ihrer Jugend jahrelang zu dick oder einfach unwohl gefühlt haben, habe ich mich auf Grund der regelmäßigen “Lach doch mal”-Kommentare unwohl gefühlt. Und fühle mich heute noch manchmal unwohl, obwohl es stimmt, dass man mit dem Alter gelassener damit umgeht. Aber wenn man jahrelang von teilweise fremden Menschen gesagt bekommt, man würde traurig, ängstlich oder irgendwie “bedröppelt” aussehen, dann wird das irgendwann ein Teil von dir selbst, den du nicht ablegen kannst.

Und bevor du den Menschen Vorträge hälst darüber, dass sie nur bedingt ihr Gesicht und ihre Mimik kontrollieren können genauso wenig wie sie in das Wachstum ihrer Plattfüße oder ihre Segelohren eingreifen können, verziehst du lieber schweigend deinen Mund zu einem kurzen, halbherzigen Lächeln, drehst dich halb weg und wünscht dir, du mögest bald besoffen oder unsichtbar oder eine Doppelgängerin von Lady Gaga sein.

Und ich glaube ja an Awesomeness und den ganzen Scheiß. Ich komme manchmal auf Ideen, ich habe manchmal Tage, ich erlebe Momente, manchmal bin ich dabei sogar nüchtern – da finde ich mich weder bedröppelt, noch sonst irgendwas, sondern ich weiß, dass ich wunderbar bin. Awesome. Schon im Kindergarten eine Legende sozusagen. Aber inwieweit kann man das wirklich steuern? Kommt das wirklich von innen heraus? Fällt nur mir auf, wo an der Sache mit der eigenen inneren Einstellung der Fehler ist?

Denn meine innere Einstellung ist gar nicht so verkehrt. Und ich glaube, das trifft fast auf die meisten Menschen zu, die ich kenne. Aber sie werden nunmal beeinflusst. Also kann deine eigenen allgemeine Awesomeness noch so unschlagbar und allgegenwärtig sein – wenn du da sitzt und jemand dir sagt “Bist du müde? Du siehst schlecht aus.” dann möchtest du ihm mit 120 Stundenkilometer ins Gesicht fassen. Aber du wärst damit trotzdem irgendwie im Unrecht, denn meistens kommen solche Aussagen von Leuten, weil sie einfach etwas sagen möchten, vergleichbar mit “Guck mal aus dem Fenster, es regnet.” Sie tun es nicht böswillig. Sie wissen nicht, dass dir beim Schützenfest im Jahr 1998 der Bürgermeister am Tisch schräg gegenüber saß und sagte “Kind, lach doch mal.” und dass du dich seitdem in dieser Angelegenheit, mir dir selbst und deinen Mundwinkeln und der Zornesfalte über deiner Stirn, nicht gerade gut fühlst. Und dass du Angst davor hast, mit 45 ganz genau so auszusehen wie die Bundeskanzlerin, weil du beschissene Gene oder sowas hast.

Ich bin also für niemanden schön. Das denke ich. Manchmal weiß ich es, oder glaube es zu wissen. Manchmal spüre ich sogar, dass ich nie einen Mann finden werde, mit dem ich mein Leben teilen kann. Weil er meine Lebensfreude nicht sieht und was bitte will ein Mann mit einer Frau, dessen Lebensfreude seine Augen nicht sehen? Soll er sich die Mühe machen sie mit etwas anderem zu sehen? Keiner da draußen sieht meine Lebensfreude. Sie ist ja auch unsichtbar. Man kann nur vermuten dass sich hinter dieser scheinbar “bedröppelten Fassade” und hinter dem Sarkasmus ein lebensfroher Mensch befindet. Ich stelle mich also ein auf ein Leben mit einem Kanarienvogel in einem Käfig und einer Katze und die Katze wird die ganze Zeit versuchen, den Käfig umzuschmeißen, während ich daneben sitze und stricke, dabei kann ich gar nicht stricken.

Andere werden nie jemanden finden, weil sie lebenslang hinter Gittern sitzen oder sich den Taliban angeschlossen haben oder weil ihr Horizont über wildes Sportficken nicht hinaus reicht oder weil sie ihre Karriere wichtiger finden oder weil sie Vollidioten sind. Ich werde nie jemanden finden, weil ich unsichtbare Lebensfreude mit mir herumtrage.

Ich meine, ich könnte Flugzettel verteilen mit einem witzigen Text von mir. Ich könnte durch den Club und die Einkaufspassage und durch die Kinoreihen marschieren und Flugzettel verteilen. Ich stelle mir das gerade bildlich vor, mit meinem traurigen Gesicht, wie ich die Leute störe und ihnen den Flugzettel in die Hand drücke mit den Worten “Du weist es jetzt noch nicht und du kannst es auch nicht sehen, aber ich bin ein freier, wunderbarer, bisweilen fröhlicher Mensch und ich habe sogar ein eigenes Hobby.”

Ich vermute, dass viele Menschen in meinem Umfeld, denen ich eine positivere Ausstrahlung zugestehe, insgeheim deutlich trauriger sind als ich. Vielleicht sogar nachdenklicher. Und unausgeglichener. Ich möchte das nicht einfach so behaupten, um mich selbst als eigentlich cooler, relaxter Underdog darzustellen. Es ist nur eine Vermutung. Und ich weiß, dass ich anders mit Gefühlen wie Trauer oder einfach schlechter Laune umgehe als manch andere, weil man mit mir andere Dinge in Verbindung bringt.

Schönheit ist vergänglich. Vielleicht bin ich deshalb froh, dass ich keine langen, dicken, glänzenden Haare, keine makellose Haut habe. Was ich habe ist längst nicht so vergänglich wie das, was schöne oder deutlich besser aussehendere Menschen besitzen. Irgendwie bin ich nicht dafür geeignet, eine gutaussehende lebenslustige, gesunde, großartige 25jährige zu sein. Aber ich freue mich beinahe über jede Falte, die sich neben meinen Augen bildet. Könnt ihr euch das vorstellen? Lachfältchen. Die senkrechte Zornesfalte über meiner Stirn habe ich akzeptiert auch wenn ich mich nie mit ihr anfreunden werde. Manchmal, wenn die Sonne ungünstig steht, habe ich das Gefühl deswegen auszusehen wie ein Ork.

Ich schleppe gedanklich viel Mett in meinem Rucksack mit mir herum und ich werde nie supersexy sein. Auch nicht sexy. Wenn ich im Fitnessstudio sitze und trainiere, sehe ich möglicherweise aus wie ein Mops. Ich mache dabei ein zerknautschtes Gesicht.

Trotzdem ist das mit der Schönheit und der eigenen Perfektion Wahrnehmungssache. Und die Selbstwahrnehmung täuscht einen immer wieder, mal ist sie positiver mal negativer. Wer oder was ist man in der Realität? Ein Bekannter sagte neulich zu mir, er würde niemanden kennen, der so viele unterschiedliche Gesichtsmimiken drauf hat. Ich weiß nicht ob er die 20 unterschiedlichen Grade der Zerknautschtheit meines Gesichts meint, aber er hat es nett gemeint, denke ich. Ich bin nicht für alle leblos und traurig. Vielleicht bin ich es nur für die Idioten. Vielleicht bin ich es nur für die, die mit vier aufgeregten, lebhaft schnatternden Schwestern aufgewachsen sind oder eine elfengleiche, ekelhaft quitschvergnügte Freundin haben und auch noch drauf stehen, sich aber manchmal beschweren, dass sie nach der Arbeit nie ihre Ruhe haben. Vielleicht bin ich es nur für die, die völlig anders erzogen wurden.

Der Freund einer meiner besten Freundinnen mag mich. Und ich halte ihn für intelligent. Und lebenslustig. Es mag schon seinen Grund haben, dass ein intelligenter, lebenslustiger Mensch vielleicht mich eher mag als andere Menschen mit anderen Persönlichkeiten. Vielleicht, weil Menschen wie ich nicht das Ruder an sich reißen, um zu spüren, dass sie leben, vielleicht weil ich nicht besonders anstrengend bin. Vielleicht weil ich nicht mal annähernd so bekloppt bin wie Menschen, die neben mir normal, angenehm, ausgeglichen, klug und ehrgeizig erscheinen. Und das muss ich mir ab und zu selbst vorsagen. Dass Menschen, intelligente, tolle Menschen, mich schlicht und einfach mögen. Denn man vergisst es so leicht in der Masse der Menschen, die idiotische Dinge tun und sagen, die mit idiotischen Menschen zusammen sind, die eine Abneigung gegen Minderheiten haben oder Statussymbolen hinterherhecheln.

Wann verschwindet dieser eine Komplex? Wann macht er Platz für die Dinge, von denen ich weiß, dass sie da sind? Wann platze ich, weil die allgemeine Awesomeness wächst und gedeiht und dann plötzlich an Grenzen stößt, die ihr eine Zornesfalte und ein paar schlechte Erfahrungen, ein paar lächerliche Kommentare aus der Vergangenheit aufzeigen?

Wir sind was wir sind und wer wir waren. Und wer wir waren ist ein bisschen auch wer wir sein werden, aber das muss nicht alles sein. Und manchmal müssen wir daran glauben, dass es Menschen gibt, für die Schönheit nichts mit Makellosigkeit zu tun hat. Menschen, für die Makellosigkeit nicht von Bedeutung ist, die etwas sehen, auch wenn es für viele andere nicht sichtbar erscheint.

Atombombenabwurf auf Hiroshima vor 65 Jahren

Donnerstag, August 5th, 2010

“Er hat damals nicht geweint. „Keine Zeit“, sagt er. Aber die Menschen, die er am Fluss für Leichen hielt, greifen noch heute im Traum manchmal nach ihm.”

Tagesspiegel: Herr Sotobayashi bricht sein Schweigen (via)

Fitnesstagebuch – Diese Motivation ist beängstigend

Donnerstag, Juli 22nd, 2010

Ich bin motiviert. Man kann fast schon sagen, ich integriere das Schwitzen im Fitnessstudio so in meinen Tagesablauf, dass es mich überhaupt nicht juckt. Ich sollte stöhnen, verzweifeln, mir den Bauch halten, vielleicht ein bisschen weinen oder schreien. Stattdessen steige ich zweimal die Woche ohne den geringsten Anflug von Verzweiflung in mein Auto, fahre da hin, bewege eineinhalb Stunden lang meinen Arsch und verlasse dann wieder diesen Ort des Grauens.

Es ist noch nicht mal ein Ort des Grauens. Die Leute da sind nett. Und es gibt niemanden dessen Anwesenheit mich aus irgendeinem Grund verstört oder mich innerlich mit den Augen rollen lässt. Nagut, eine Ausnahme vielleicht. Und ich hab sie auch nur einmal da gesehen bisher. Ich mag sie nicht. Ich habe schon abgecheckt: Viele mögen sie nicht. Sie ist drei Meter groß, wiegt glaube ich nur 7 Kilo und hat so eine angeborene Arroganz an sich, dass einem übel wird, wenn man sie sieht. Das ist einschüchternd und zum Kaputtlachen gleichzeitig.

Wisst ihr, es gibt zwei Arten von gutaussehenden Frauen da draußen. Die einen sehen gut aus, sind aber irgendwie steril. Mit Anfang dreißig werden sie Etuikleider tragen. Und die stehen ihnen auch, weiß der Teufel warum. Man mag sie nicht, weil man nämlich kein Bier mit ihnen trinken kann. Man kann nur Cocktails oder Sekt mit ihnen trinken. Die Tatsache, dass man glaubt, nie ein Bier mit ihnen trinken zu können, reicht aus, um sie nicht zu mögen. Weibliches Prinzip. Basta.

Dann gibt es Frauen, die sehen mindestens genauso gut aus, sind aber höflich. Und ich mag Höflichkeit ja an schönen Menschen. Das macht sie irgendwie “zugänglicher”. Sie ruhen irgendwie in sich selbst und sagen Hallo, auch wenn man sie gar nicht persönlich kennt. Sie sehen ihr gutes Aussehen vermutlich nicht unbedingt als “Waffe” an, als etwas Besseres, als Schlüssel zum Erfolg oder als Freifahrtschein zu unnahbarem, überheblichen Verhalten. Glücklicherweise trifft man in diesem Fitnessstudio eher weibliche Wesen der zweiten Kategorie.

Die Leute da sind nett, wie gesagt. Einige sieht man fast jedes Mal, wenn man selbst trainiert. Das sind entweder richtig sportbegeisterte Leute oder sie haben denselben Trainingsrhythmus wie man selber. Neben dieser Feststellung habe ich noch eine andere gemacht, die vermutlich auf einen gewissen Realitätsverlust meinerseits zurückzuführen ist.

Ich bilde mir ein, schon nach drei Wochen eine minimal straffere Haut an der ein oder anderen Stelle zu haben. Wie gesagt: Realitätsverlust. Ich rechne mit ersten Erfolgen nach sechs bis acht Wochen. Nicht nach drei. Vielleicht sollte ich  mal zum Psychologen gehen. Wobei regelmäßiges Training so einen Psychologen ja ersetzen kann. In einem gesunden Körper steckt nämlich auch ein gesunder Geist.

Ich habe angefangen, zweimal am Tag Nektarinen zu essen. Epische Aussage, ich weiß. Nektarinen – Bäm!!! Und ich esse weniger Fleisch und kaum Schokolade, wobei ich lustigerweise nie ein Mensch war, der viele Süßigkeiten in sich reinstopft. Es gibt Phasen, da brauche ich den Zucker, nachmittags im Büro mit der zweiten oder dritten Tasse Kaffee. Aber das nimmt keine katastrophalen Ausmaße an. Mein größtes Problem sind eigentlich nur meine gelegentlichen Pizza-Pasta-Hawaiitoast-Fressatacken. Sie treten vielleicht einmal wöchentlich auf.  Oftmals wenn ich drölf Bier getrunken habe und mitten in der Nacht in der Küche stehe. Diesbezüglich sollte ich mich ein bisschen kontrollieren.

Ein Gerät gibt es jedoch in diesem Fitnessstudio, dass mir Angst einflößt. Der Stepper. Ich gehe nicht auf den Stepper. Anfangs habe ich es 10 Minuten lang versucht, verhältnismäßig früh spürte ich jedoch, wie meine Organe langsam absterben. Herz und Lunge befanden sich ungewöhnlich früh in einem beängstigendem Zustand. Und es hat mir die Gedärme umgedreht. Ich wollte kotzen und sterben und nach Hilfe schreien. Krieg war das. Krieg!

Also habe ich beschlossen in der ersten Zeit zum Aufwärmen einfach nur 30 Minuten lang auf dem Ergometer zu sitzen und gemütlich vor mich hin zu fahren. Und das werde ich durchhalten, bis ich der Meinung bin, dass mich der Stepper nicht mehr in den körperlichen Ruin treibt.

Eine Hemmschwelle war zunächst auch der Bereich, in dem die meisten männlichen Wesen sich aufhalten, um ihre Muskeln zu quälen. Mein Trainingsplan sagt vor, dass ich dort zwei Übungen mit Gewichten und Hanteln machen sollte, um die Muskulatur meiner Schultern und Oberschenkel zu stärken. (Oder überhaupt dafür zu sorgen, dass dort Muskulatur vorhanden ist. Jämmerlich. Jäm-mer-lich. Uäh.)

Eine der Übungen fiel mir beim ersten Mal unglaublich schwer, mittlerweile mag ich sie beinahe. Das einzige, was mich daran stört ist, dass ich mich dabei hoch- und runterbeugen muss. Und irgendwer steht immer hinter mir. Hoch und runter. 3x je 15 Mal. Ich habe das Gefühl, dass mein Arsch die gesamte Trainingszone einnimmt und alle ihn anstarren und ein bisschen zurückschrecken. Voller Mitleid, versteht ihr? Mit der stillen Frage, wie ein Mensch, der an sich eher zierlich gebaut ist, so einen Wahnsinnsarsch haben kann. Es gibt Menschen, deren Ärsche zweimal in meinen reinpassen. Meine Körpermitte gehört eigentlich gar nicht zu mir. Ich habe winzige Füße, winzige Hände, winzige Ohren, ok eine riesige prägnante Nase, winzige Schneidezähne, zerbrechliche Handgelenke… und einen Atomarsch. Hallo. Halloooo. Gerechtigkeit… hallooooo?!!!

Und dieser Atomarsch füllt nicht nur diesen gesamten Trainingsbereich, sondern auch mein ganzes Hirn aus, wenn ich diese Übung mache. Würde ich zu T. gehen und sie nach einer “Übung gegen den Superarsch” fragen, würde sie mit dem Kopf schütteln und mir erklären, dass es nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist, ihn zu trainieren. Ich denke, man müsste ihn mir brechen und neu zusammen bauen, um ihn einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Ich bin ja schon froh, dass ich wegen diesem Arsch nicht mehr Mitgliederbeitrag zahlen muss.

Ihr seht – Fitnessstudio ist schön. Trainieren macht Spaß. Schwitzen ist super. Deswegen geh ich heute Abend wieder hin.

Ersatz.

Montag, Juli 19th, 2010

Ersetzbarkeit hat viele Gesichter. Ersetzbarkeit lauert einem häufiger auf als alle anderen Formen von zwischenmenschlichem Mist, mit dem wir im Laufe unseres Lebens konfrontiert werden. Menschen kommen, Menschen gehen, Menschen urteilen, Menschen ignorieren, Menschen laufen voreinander weg. Menschen sind ersetzbar. Man kann sich nicht auf den Moment vorbereiten, an dem es einem bewusst wird. Manchmal sind es denkbar ungünstige Momente.

Ein umsichtiger, kluger Mensch würde jetzt einwerfen: Du bist erst ersetzbar, wenn du dich dazu machst, wenn du dich selbst so siehst. Aber wer sieht sich so? Egal wie groß meine Zweifel sind, egal wie vollgestopft der Schrank mit meinen ganzen Komplexen – ich halte mich nicht für ersetzbar. Aber andere. Ausnahmen vielleicht, ja, aber es passiert.

Das Seltsame an Menschen wie mir ist, dass sie rigoros sind, wenn es um die eigene Ersetzbarkeit und die Ersetzbarkeit anderer geht. Im Kern bin ich irgendwie butterweich. Ich würde mich nicht als “gut” bezeichnen, weil ich natürlich im Laufe meines Lebens festgestellt habe, dass es nicht möglich ist gut oder schlecht zu sein. Der Mensch ist beides. Vielleicht ist nicht mein Kern butterweich, sondern die Masse, die um diesen Kern herum liegt. Vielleicht will ich gar nicht, dass mein Kern, das innerste meines Wesens, butterweich ist. Vielleicht ist es dieser Kern der mir sagt: Wenn andere dir das Gefühl geben, ersetzbar zu sein, mach sie auch ersetzbar.

Es passiert nicht sofort. Es muss sich über Wochen und Monate hinziehen, denn ich bin niemand, der sofort einlenkt. Ich erlebe eine kleine Niederlage, bin angeschlagen, und mache dann irgendwann weiter. Ich weiß nicht wie oft und für wie lange man mir das Gefühl geben muss, ersetzbar zu sein, bis meine Leitungen einfach ganz langsam durchbrennen. Man kann es stoppen oder hinauszögern. Andere können das. Indem sie mir zeigen, dass sie mich noch dazu zählen.

Ich habe diese Momente in denen ich ohne zu zögern bewusste Entscheidungen treffe und die dann auch nicht mehr zurück nehme. Es gibt Menschen, die es bemerken. Denen auffällt, dass ich für sie jetzt nicht mehr existiere. Indem ich einfach nicht mehr da bin. Ich habe das nie bereut. Ich bereue es eher, dass ich jemand bin, der sich vorher eine Weile herumschubsen lässt, aber das ist immerhin besser als voreilige Entscheidungen zu treffen. Es gibt Menschen, die man lange, vielleicht sogar für immer, herumschubsen kann. Es gibt Menschen, die kann man übergehen. Es gibt Menschen, denen man eine kleine Nebenrolle geben kann und die das stillschweigend akzeptieren.

Stillschweigen. Stillschweigen wird immer zwei Bedeutungen haben. Stille Akzeptanz. Ok, dankeschön, gib mir die Nebenrolle, mach mich ersetzbar, ich bin ja froh, überhaupt noch auftauchen zu dürfen in dem Stück, und ich will da auch auftauchen, mein Leben lang, weil ich nicht den Mut dazu habe, andere genauso ersetzbar zu machen.

Oder eine stille Entscheidung, die nahezu unbemerkt gefällt wird. Ein stiller Kampf. Vielleicht ist das feige. Vielleicht würde eine Kämpfernatur irgendwann, nachdem man sie eine Zeit lang kaum bemerkt hat, aufstehen und es einfach sagen. Es gibt Menschen, mit denen würde ich sprechen, aber das sind komischerweise gar nicht diejenigen, die einen ersetzen oder einem das Gefühl geben, bedeutungslos zu sein. Die, mit denen man darüber sprechen würde, die tun es nicht auf die Weise. Vielleicht lebt man sich mit denen irgendwann auseinander, hat sich nichts mehr zu sagen, wird sich fremd. Aber sie sind nicht so unfair, sie behandeln einen nicht mit der Zeit wie eine Zweitbesetzung.

Freunde. Das sind für mich nicht diejenigen, die einen als Mittel zum Zweck gebrauchen. Oder diejenigen, die sich immer wieder Bestätigung von anderen holen müssen, weil sie nicht in der Lage sind, sich selbst die Bestätigung zu geben. Was verdammt nochmal machen solche Leute, wenn der Rest im Urlaub ist? Schonmal daran gedacht? Wenn der kleinste gemeinsame Nenner zwischen zwei Menschen einfach nur Bestätigung ist oder auf ein Übungslevel hinausläuft, dann funktioniert das nicht. Es fängt an auseinander zu fallen, sobald der andere merkt, dass er auch ein Ego hat. Und dass er dieses Ego nicht hat, weil irgendwer ihm gerade den Arsch leckt, das Köpfchen streichelt oder liebevoll zuprostet.

Du musst dich fragen, ob du noch derselbe Mensch bist, wenn eine bestimmte Person oder eine Gruppe von Menschen dir nicht den Arsch sauberleckt. Wenn du diese Frage mit ja beantworten kannst, gratuliere ich dir. Wenn du diese Frage mit nein beantworten und dir eingestehen musst, dass deine Existenz ein bisschen zu sehr vom Wohlwollen anderer abhängig ist, zählst du zu den Menschen, die Leute wie mich ersetzbar machen und dazu gratuliere ich dir verdammt nochmal nicht. Das verdient keinen Applaus.

Wir sind alle beeinflussbar, klar. Ich kann eine Doktorarbeit darüber schreiben, wie sehr sich in den letzten 25 Jahren das Verhalten anderer auf meine Laune, meine Persönlichkeit, meine Haltung ausgewirkt hat. Das ist erbärmlich. Aber es vergeht Zeit und je mehr Zeit vergeht desto klarer wird einem, wie wichtig es ist, dass man so akzeptiert wird wie man ist. Und dass man erst dann, wenn man aktzeptiert wird, wirklich gut sein kann. Oder außergewöhnlich. Ein Mensch, der nicht so leicht ersetzt werden kann. Und wenn man weiß, wie lächerlich es ist, von Menschen beeinflusst zu werden, die einen nicht akzeptieren, dann lässt man sich weniger beeinflussen. Bestenfalls überhaupt nicht mehr. Und die Zahl der Menschen, die einem weh tun können, schrumpft.

Ich würde gerne durch jemand “gutes” ersetzt werden. Jemanden auf den zweiten Blick, so wie ich. Jemand, der nicht auf Anhieb strahlt, hüpft wie ein Flummi, Herzen im Sturm erobert oder wasweißich. Aber man wird nie von jemandem ersetzt der so ist wie man selbst. Man erkennt auch nicht denjenigen, der einen ersetzt, weil es ihn eigentlich gar nicht gibt. Es ist eher ein Bauchgefühl, eine Situation, Momente, die einen zweifeln lassen und das gibt einem das Gefühl, in der Vergangenheit oft nicht gut genug gewesen zu sein. Vielleicht hätte ich gerne die Möglichkeit, zumindest ein bisschen zu rebellieren. Nur ein kleines bisschen.

Menschen sind für mich keine Zwischenlösungen. Es muss anstrengend sein, nie wirklich anzukommen. Es muss anstrengend sein, aufzuwachen und den Tag zu verbringen mit dem Gedanken im Kopf, dass irgendwo etwas oder jemand besseres wartet. Ein besserer Ort. Aufregender. Mit besseren Menschen. Wenn du die Menschen um dich herum mit der Zeit zu etwas gewöhnlichem degradierst, obwohl du offensichtlich mal gewusst hast, dass sie alles andere als gewöhnlich sind, wird dein ganzes Leben gewöhnlich und alles, was momentan nicht in Reichweite ist, alles was du nicht beeinflussen kannst, erscheint dir wichtiger. Du fängst an, Dinge zu ersetzen. Menschen zu ersetzen. Weil du egoistisch bist. Ich bin selbst egoistisch, daher weiß ich das. Zum Glück gibt es Eigenschaften an mir, die deutlich stärker ausgeprägt sind. Zum Glück.

Der Kreis schließt sich und ich bin rigoros was meine eigene Ersetzbarkeit betrifft. Ich lenke ein, packe meine Sachen und gehe ohne Bedauern. Weil ich mich dazu entschlossen habe. Man muss Entscheidungen treffen. Nicht halbherzig, nicht mit Hintergedanken oder Türen, die man sich noch offen lässt. Bewusst. Man muss sich dazu entscheiden, zu gehen. Sich nicht mehr ungerecht behandeln zu lassen. Und ich bin gut darin. Gut darin, eine Zeit lang nichts zu tun, Schmerz zu ertragen. Gut darin, ihn irgendwann einfach von einem Tag auf den anderen abzustellen.

Man muss sich dazu entscheiden, weich und beeinflussbar zu sein für, von mir aus,  jeden da draußen, nur nicht mehr für denjenigen, der gedacht hat, er könne einen ersetzen.

Hitze. Schnaps. Muskelkater. Hitze. Affenhitze.

Montag, Juli 12th, 2010

Freitag. Ich darf früher nach Hause. Die Sonne knallt. Ich besuche meine Lieben daheim. Mama macht Erdbeermarmelade. Papa steht oben ohne im Garten und streicht Latten. Ich frage meine Mutter, was an Schnaps im Haus zu finden ist, weil ich gleich ein Interview mit Lars hab.

Lars arbeitet bei quu.fm und für die hab ich, nachdem ich vor einigen Wochen in einer e-mail von Christina aka Antonia Montana gefragt wurde ob ich Bock darauf habe, eine Playlist zusammengestellt, die sie Montagabend um 21 Uhr eine Stunde lang spielen werden. Den Schnaps brauche ich, weil ich sonst kein vernünftiges Wort rausbringe. Es stellt sich dann heraus, dass Lars ein netter Kerl ist, der nicht mit mir schimpft, wenn ich Unsinn rede oder ins Stocken gerate. Auf meine Frage hin, ob es nicht schlimm ist, dass ich mich am Telefon anhöre wie eine 8jährige, sagt er, dass es nicht so tragisch ist und dass ich nur ein bisschen leise spreche. In diesem Sinne nochmal Gruß nach Hamburg. Ich hoffe ihr schneidet die Stelle raus, in der ich erzähle, dass Bobby Long ein guter Freund von Robert Pattinson ist, weil es ziemlich uncool ist einen Twilight-Darsteller im Gespräch mit einem Radiomoderator zu erwähnen.

Eigentlich will ich jetzt ins Fitnessstudio. Papa findet meine Motivation verdächtig. Ich finde mich selbst auch verdächtig und beschließe, einfach nach Hause zu fahren und noch ein bisschen über meine Motivation nachzudenken und dabei einen Salat zu essen. Ich verzichte sogar auf die fette Joghurtsoße. Das ist die halbe Miete, nicht wahr? Nachdem ich mir sicher bin, dass ich jetzt nicht mehr vor die Tür gehe bei dieser verdammten Hitze, lege ich mich atzenmäßig aufs Sofa. Schade dass ich kein Bier im Haus hab. Dann klingelt es an der Tür.

Meine Cousinen statten mir einen spontanen Besuch ab. Sie übersehen höflich, dass ich ein unheimlich legeres Oberteil in Regenbogenfarben trage und aussehe als hätte ich gleich ein Vorstellungsgespräch bei den Glücksbärchis. Dafür bewundern sie meine Wohnung. Der wunderbare Balkon. Die Winkel in Küche und Wohnzimmer. Das große Schlafzimmer. Und dass ich tatsächlich eine Badewanne habe. Auch die Lampe aus den 70ern von der Vormieterin, die ich irgendwie noch nicht abgehangen habe, und der Toaster (ein Erbstück meiner Eltern, toastet besser als diese ganzen Hightech-Toaster) finden Beachtung.

Samstag. Ich werde wach, wälze mich ein bisschen, stehe auf und tue Hausfrauendinge um mich nach einer kleinen Abkühlung mit Atul Gawande auf den Balkon zu setzen. Es scheint der heißeste Tag des Jahres zu sein. Da kommt mir eine großartige, ja ich möchte fast sagen, brillante Idee. Ich setze mich ins Auto und fahre ins Fitnessstudio. 30 Minuten Aufwärmtraining. 30 Minuten Muskelaufbau gemäß Trainingsplan. 30 Minuten extra fit. Weil ich dabei Musik der Vengaboys, Chartskatastrophen aus den 90ern und Loveparade-Hymnen im Ohr stecken habe, kommt mir das ganze vor wie ein Kinderspiel. Ich hab die Geräte größtenteils für mich alleine und beschließe, in Zukunft vor allem bei Schnee und Hagel, Blitz und Donner und strahlendem, brütend heißem Sonnenschein trainieren zu gehen.

Zurück im Ghetto beschließe ich, mir die Haare zu färben und ein bisschen halbherzig zu bügeln. Mit einer halbstündigen Verspätung fange ich C. auf der Straße ein, die erste Halbzeit gucken wir im Cube, die zweite beim Public Viewing in Rö. Das Bier schmeckt zwar sensationell gut, bedauerlicherweise gibt es jedoch keinen Schnaps. Es geht ins Bonkers, wo mir nach zwei Stunden bewusst wird, dass ich jetzt nach Hause gehen sollte. Zu Hause bietet sich den Einrichtungsgegenständen ein Schauspiel [Filmriss] …

Sonntag. Ich lebe. Das ist gut. Das ist sehr gut. Ich meine, darauf kann man aufbauen, da kann man was draus machen. Nur wie? Meine Organe verweigern mir ihren Dienst. Mein Schädel brummt. Der Muskelkater ist kaum auszuhalten. Die Sonne knallt mir auf die Birne. Ich habe Durst, meine Zunge ist eine Wolldecke, ich möchte kotzen, kann mich aber nicht bewegen, gleich kommt meine Schwester um mit mir an den Edersee zu fahren. Ich schaffe es zu duschen. Ich stelle fest, dass mir das Oberteil vom Bikini zu klein geworden ist. Wahnsinn.

Ich erkläre meiner Schwester die Situation. Dass ich Muskelkater hab, und Bauchschmerzen. Dass ich gesoffen hab und meine Brüste gewachsen sind und dass es zu heiß ist. Sie versteht mich. Sie versteht mich voll und ganz. Also fahren wir nur heim, Familiengrillen, und dann mache ich nocheinen dreistündigen Abstecher nach Schreufa, wo es um Pocket Bikes, brennende Zelte, Kühlschränke und Geburtstagspartys geht. Zu heiß zum Denken. Zu heiß zum Essen. Scheiße es ist eigentlich sogar zu heiß zum Schwitzen.

Abends überlege ich, ob ich auf dem Balkon schlafen soll. Aber schnell stelle ich fest, dass es da nicht wesentlich kühler ist. Also schlafe ich bei weit offenem Fenster und lausche die ganze Nacht lang den Geräuschen und Stimmen unten auf der Straße. Was an sich nicht dramatisch wäre, aber es ist Montag und da ist stundenlanges Wachliegen eher lästig.

Montag. Es ist heiß. Es ist so heiß, dass ich nicht mal wirklich Lust habe zu schreiben. Ich werde später meinen Balkon ausmessen und mir dann ein Planschbecken kaufen. Natürlich werde ich die Wohnung überschwemmen und damit irgendetwas kaputt machen, aber das ist mir egal. Solltet ihr mich heute Abend auf quu.fm hören und feststellen dass ich lalle: Das war der Schnaps. Und meine Stimme klingt in Natur nicht ganz so kindlich und glockenklar wie ich vermute, dass sie am Telefon geklungen hat. Solltet ihr feststellen, dass ich irgendwie schwachsinnig daher rede: Mein Gott, das war euch doch vorher schon irgendwie klar.

Weitere Infos und die Playlist findet ihr auf quu.fm/indigoidian.

Fitnesstagebuch Tag 1 – Der Check-up

Freitag, Juli 9th, 2010

Ich hatte es angekündigt – das Fitnesstagebuch. Überwältigt von der minderwertigen Beschaffenheit meiner Knochen, meinem letzten paar jämmerlicher Muskeln und meines Herz-Kreislauf-Systems suchte ich also ein Fitnessstudio auf. Und wenn man zufällig ein gutes erwischt hat, kann es auch schonmal vorkommen, dass man ein paar Tests durchlaufen muss, damit der Trainer weiß in welcher körperlichen Notlage man ist, wie der Ablauf aussehen soll und ob man überhaupt in der Lage dazu ist, das Training ohne größere Probleme zu absolvieren.

Und – was soll ich sagen? Ich sterbe jeden Tag, jede Stunde, jede Minute ein bisschen mehr. Komme dem Goodbye immer näher.

Beim Ausfüllen des kleinen Fragebogens sagt T. (was für “Trainerin” steht aber auch der Anfangsbuchstabe ihres Namens ist) zu mir: “Na, du hast ja schon einiges durch.” Ich nicke eifrig, fühle mich wie der Anti-Hulk und überfliege nochmal meine Angaben. Vergrößerte Schilddrüse. Tendenziell niedriger Blutdruck. MKPS. Fehlender linker  oberer Lungenlappen seit einer OP 2004. Blähbauch, wenn ich zuviel Orangensaft trinke. Ich habe also alles. Außer Morbus Crohn und Fribromyalgie. Wie gesagt: Ich sterbe jeden Tag ein bisschen mehr.

Mein Puls ist an diesem Tag beinahe im “Normalbereich”. 84 bpm. Das ist für mich schon eine Sensation. Ich habe normalerweise einen Ruhepuls von 92. Das ist übel und recht bemitleidenswert, ich weiß, aber ich stehe aus irgendeinem Grund meist so unter Dampf, dass mein Herz mir beinahe aus der Brust springt.

Die Körperfettanalyse hingegen stellt eindrucksvoll dar, dass fast ein Drittel meines Körpers aus purem Fett bestehen. Ich bin somit halb Mensch, halb Wal. Meine Werte sind im unteren mittleren Bereich. Ab 29.8 % wird es kritisch, man ist dann offiziell ein fettes Schwein, gut dass das Gerät kurz zuvor aufhört zu messen und mir einen unwesentlich besseren Wert anzeigt.

Es folgt die nächste Niederlage. Diagnose der Kraftfähigkeiten im Rumpfbereich. Ich meine, dass ich irgendwie behindert bin, weiß ich ja. Dass meine Körperhaltung spätestens seit der OP vor sechs Jahren übel ist, weiß ich auch. Probiert ihr mal, aufrecht zu gehen und zu stehen und keine Schutzhaltung einzunehmen, wenn man euch kurz zuvor den Körper aufgeschnitten und einen Teil eurer Lunge entfernt hat. Ich wette, viele halten mich auf Grund meiner Körperhaltung für eine Versagerin, wenn ich an der Eisdiele vorbei gehe.

Ich meine, klar, das bin ich auch irgendwie, ich nutze einige Chancen nicht, schlafe lang, tue Dinge lieber im Sitzen (stehen und laufen zum Beispiel. Ich hasse stehen. Stehen geht gar nicht. Laufen geht. Gehen auch. Gerade so. Aber stehen? Ich sitze lieber. Am liebsten liege ich jedoch. In Embryostellung. In meinem Bett. Lache in mich rein, bin neun Jahre alt, grummle und murmele und bin generell unzurechnungsfähig).

Kraftfähigkeiten im Rumpfbereich also. Ergebnis: Keine Kraft vorhanden. Zumindest gibt es wenige weiße (also tadellose) Stellen an meinem Körper, die der Bildschirm mir anzeigt. Dafür zwei rote, vom langen Arbeiten am PC. Ich bin nun offiziell verkrüppelt und T. sagt mir, dass sie mir einen speziellen Trainingsplan zusammen stellt, weil ich erstmal nicht problemlos jedes Gerät nutzen kann und spezielle Muskelgruppen gezielt trainieren soll.

Die kleine Überraschung folgt beim letzten Teil des Fitness-Tests. Herzkreislauf-Test. Wie lange kann Franzi radeln, ohne mit blutrotem Kopf, schwitzend und nach Luft ringend vom Sattel zu plumsen. Ich beginne also. Und siehe da, meine Ausdauer ist gar nicht mal schlecht. Ihre Fitness ist gut steht auf der Auswertung. Mein Puls geht hoch bis über 150, ohne dass ich Druck in der Brust verspüre, sterben möchte oder mir der Schädel platzt. Gemessen an allen anderen Minderwertigkeiten meiner Physis bin ich beinahe ein Mutant.

Am Ende stelle ich mich noch eine Weile auf´s Laufband. Schnell wird mir dessen Sinn bewusst und ich gehe zu zügigen Schritten über, ohne hinten runterzufallen. Meisterlich.  Ich fühle mich gut, ich werde es überleben, es wird eine Vereinigung stattfinden zwischen Körperklaus und Rocky Balboa. Ja.

Du lebst in einer interessanten Gegend, wenn…

Dienstag, Juli 6th, 2010

… du nachts aus dem Schlaf gerissen wirst von dem Geschrei. Ein Blick aus dem Fenster verrät dir, wer da so schreit. Eine Frau mit fettigen Haaren und 30 Kilo übergewicht. Voll wie ein russischer Elternabend. Kann in meinem Alter oder aber auch schon 42 sein. Sieht einfach noch aus 30 Metern Entfernung so verlebt aus, dass man sich für sie wünscht, dass sie von Crystal Meth auf Koks umsteigt und das Beste draus macht. Sie kreischt und fuchtelt mit den Händen. Ihr Freund, offenbar Ursache und Zielscheibe ihrer Wut, sagt ihr, dass er sie noch nie so erlebt hat. Ich glaube ihm nur so halb. Sie gestikuliert weiter wilde, stumme Warnungen in die Luft und trampelt hinter ihm her. Ich habe Angst um sein Leben. Sie ist echt fett. Ich fühle mich inspiriert aber auch peinlich berührt. Ich will nie so werden.

Fitness-Tagebuch

Freitag, Juli 2nd, 2010

Soll ich euch mal was sagen? Die ganzen schönen, fitten Menschen – die gehen mir auf die Nerven. Andererseits dienen sie auch als gute Vorbilder und weil der Alterungsprozess bei mir schon im Alter von 15 einsetzte (Ich übertreibe nicht) und ich jetzt nach zehn Jahren manchmal denke: “Mein Gott Franziska, Wahnsinn, du hast es aus dem Bett geschafft, das ist eine Leistung, die mindestens mit einer Siegerurkunde honoriert werden müsste!” (Ok, vielleicht übertreibe ich ein wenig), habe ich beschlossen, sinnvoll dagegen vorzugehen.

Ich habe mich also im Fitnessstudio angemeldet. Jetzt wirklich offiziell. So mit Monatsbeitrag und so. Keine Ausreden mehr. Kein “Ich mach ab und zu Zuhause ein paar Situps” oder “Es reicht wenn ich im Sommer einmal die Woche ein bisschen mit dem Fahrrad die Eder entlang radle oder zum Edeka laufe anstatt zu fahren.” Das ist ja alles Quark. Irgendwann wird man fett und dann ist das Geheule groß. Also: Fitnessstudio.

Letzte Woche hab ich mich also da umgesehen, ein paar Übungen gemacht und festgestellt, dass sich dort zwischen einigen gutaussehenden, gesunden Menschen auch viele Leute wie ich aufhalten. Menschen, die offen sagen: “Mein Bindegewebe und ich, wir haben uns auseinander gelebt.” Ein Spanner ist auch dabei. Ich finde das gut. Irgendwie richtig. Was wären Fitnessstudios ohne ältere Herren, die ein bisschen gucken wollen. Es geht also darum, sich fit zu halten. Endorphine ausschütten. Glücklich sein. Nicht dieses “Sehen und gesehen werden.” Das beruhigt mich.

Ich habe also beschlossen, wo ich schonmal blogge und so eine drollige, selbstironische Art habe, mich mitzuteilen, könnte ich den Leuten etwas Neues bieten. Von Juli 2005 bis Juli 2010 habe ich den Leuten einen tiefen Einblick in mein Seelenleben gegeben. Bestürzt und voller Ekel mussten sie feststellen, dass ich fantastischerweise in der Lage bin alle möglichen Emotionen zu empfinden, was in dieser, nun sagen wir, recht totgefickten Gesellschaft, ja irgendwie eine Seltenheit darstellt. Vor allem hier auf dem Dorf, wo die Gefühle der Menschen sich irgendwo zwischen “Rämälämdingdong, Schlüpfer runter, Reiß die Hütte ab!” und “Buhu. Arbeit nervt. Zeit für Städtereisen!” einpendeln und alles was darüber hinaus geht Kopfschütteln, Mitleid und Überlegenheitsgefühle in anderen hervorruft. Hier kann man nicht mal einen anständigen Ententanz vorm REWE performen, ohne schief von der Seite angeschaut zu werden. Mein Gott, was für Versager.

Jedenfalls… tiefe Einblicke… ich möchte das Ganze auf ein neues, oder sagen wir mal anderes Level heben. Ob ich es durchziehe weiß ich nicht, aber ich gebe bestimmt nicht jeden Monat hochgerechnet 3.000 Euro für meine Fitness aus, um dann nur alle zwei Wochen hinzugehen. Nein, ich werde das regelmäßig tun, es hat auch soziologische Hintergründe, und ich werde euch mitteilen, wie es um meine körperliche Verfassung bestellt ist. Ich gehe davon aus, dass ich dann am Ende des Jahres beim Vollsuff irgendwen an irgendeiner Theke treffe, der mir zwischen zwei Halbsätzen sagt, dass es ziemlich intim ist, was ich so über meine Muskeln und die Beschaffenheit meiner Halswirbelsäule erzähle. Was ich dann tun werde ist Folgendes: Ich greife in meine Handtasche, hole den Vertrag raus, den ich mit der Firma Precor geschlossen habe, die auf meinen Blog aufmerksam wurde und es toll findet, wie ich übers Dick- und Ungelenksein sein schreibe, tippe auf die unten vereinbarte Summe von 700 Euro monatlich, gebe demjenigen einen aus, erzähle dabei beiläufig, dass ich über Silvester zum Shoppen nach New York fliege und ziehe mich dann langsam aus.

Ich hoffe inständig dass so etwas oder etwas ähnliches passiert. Ich arbeite daran. Arbeiten und hoffen müssen Hand in Hand gehen. Glaubt mir. Tag 1 folgt, gestern war nämlich der 1. Check-Up. Das war spannend. Glaubt mir.

Danke für eure Aufmerksamkeit.

Wir sind diese Menschen.

Mittwoch, Juni 9th, 2010

“I don’t know why they don’t like me. Maybe because I look different. I think maybe I am sick. I go to the doctor to test, five month ago” Er erzählt uns mit roten Augen, dass er seine Ergebnisse seit fünf Monaten hat- aber keiner sie für ihn übersetzen möchte. “I go to people, I ask, can you read this? But they always say: no, no! Go away!” Wir sind still. Wir sind diese Menschen.

Einer Erklärung bedarf es nicht. Wahnsinnig guter Text. Danke Sara.