Haare sind so ein Thema – auch für mich. Obwohl ich oft nicht aussehe als wären sie ein Thema für mich. Müsste ich eine Hitliste mit den schlimmsten Sachen an mir aufstellen, wären meine Haare vermutlich an oberster Stelle. Manchmal stehe ich vorm Spiegel, habe ein Handtuch um die nassen Haare gebunden und finde mich beinahe hübsch. Weil die Haare das Gesamtbild nicht zerstören. Hätte ich schöneres, glänzendes Haar wäre ich vermutlich längst reich und erfolgreich, in einer festen Beziehung und sowieso viel selbstbewusster. Für alles negative, was mir widerfährt, mache ich meine Haare verantwortlich. Ehrlich.
Meine Haare sind stumpf, glanzlos, widerspänstig, spröde, dünn und leicht gelockt. Wie ätzend ist das denn? Doch worauf ich hinaus will ist folgendes. Ich bin irgendwie “froh” über meine Haare. Denn es sind besondere Haare. Man kann sie abschneiden und ich werde nicht bedeutend hässlicher. Sie sind mal blond, mal braun und abgesehen von der Tatsache, dass man bei einem Haarfarbewechsel von einigen Vertretern des anderen Geschlechts einfach nicht mehr wahrgenommen wird, leidet meine Lebensqualität – jawooohl, Lebensqualität! – nicht darunter. Überhaupt finde ich Männer, die sagen, dass sie auf Blondinen stehen, irgendwie gruselig. Ich würde das gerne erforschen, wissenschaftlich, versteht ihr, aber ich habe keine Zeit dazu. Ist das dieses Fruchtbarkeits-Ding? Es ist dieses Fruchtbarkeits-Ding, oder? Blonde, gesunde, fröhliche, fruchtbare Frauen. Meine Güte.
Eigentlich ist es ja traurig. Man betritt einen Raum und wird dann noch weniger beachtet als zu Zeiten, in denen man noch blond war. Ich bin generell ein Mensch, der wenig beachtet wird. Bitte kein Mitleid, der Mensch gewöhnt sich an alles und “In Ruhe gelassen werden” steht bei mir hoch in Kurs. Und es ist eine genetische Sache. Genetisch, jawohl. Irgendwie beachten mich nur besoffene Leute oder welche ohne jegliche Berührungsängste. Ich bin oft Anlaufstelle für aufdringliche, anstrengende Menschen. Es ist mein misanthropischer Blick. Und die Haare. Scheiß Haare. Die anderen sehen mich nicht. Kein Scheiß. Die sehen mich nicht. Und wenn man nicht mehr blond ist, dann sehen sie einen noch weniger. Man ist nicht nur “nicht existent”, man ist quasi das Gegenteil von… ahhhh… jetzt wird´s physikalisch… ich bin überfordert… damn it… wisst ihr was ich meine?
Am schlimmsten ist der Vergleich mit denen, die mit einer langen, gesunden Mähne gesegnet sind. Meine Theorie: Solche Frauen schwitzen auch nicht, wenn die Sonne knallt. Weil sie nämlich keine Schweißdrüsen haben. Die heulen auch nicht bei traurigen Filmen, tausend Perlen glitzern in ihren Augen und kleine singende genmanipulierte Schmetterlinge tanzen über ihren Köpfen. Und weil sie nicht schwitzen oder heulen, verläuft auch nicht die Wimperntusche. Diese Frauen sehen nie aus wie Zombies. Nie. Man selbst immer öfter. Ihre T-shirts haben auch nie Knitterfalten. Wenn sie in den Raum kommen, ertönt irgendwo in der Ferne ein Glockenspiel und alle Anwesenden werden plötzlich untenrum ein bisschen hibbelig. Alter. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?
Die Gerechtigkeit steckt manchmal im Detail. Denn ungefähr 70%, eine naive Schätzung, derer, die mit einer gesunden, langen Pferdemähne gesegnet sind, dürfen sich diese auf keinen Fall abschneiden. Jedenfalls nicht von lang zu mittellang oder gar kurz wechseln. Wisst ihr wieso sie es auf keinen Fall tun sollten? Weil diese schönen, langen Haare das reizvollste und beste an ihnen sind. Und, jetzt mal ganz unter uns, ich würde mich unwohl fühlen, wenn das Beste an mir meine Haare wären. Hallo? Haare? Die grau und dünn werden und mir ausfallen? Im Ernst?
Ich bin ganz klar für beschissen aussehende Haare. Mit das beste daran ist, dass die Leute gelegentlich überrascht sind und sich beinahe ein bisschen für einen selbst freuen, wenn sie mal nicht ganz so katastrophal aussehen.
Wie ich auf das Thema “Mädchenhaare” komme? Deshalb.