Heute steht ein Artikel in der WLZ-FZ, der mich ein bisschen stutzig werden lässt. Es geht darum, dass Bürgermeisterkandidat Hansen neue Räume für die Jugendlichen schaffen will und ihnen gerne auch einen Streetworker zur Seite stellen möchte. Zum Artikel gehts hier entlang.
Eine Sache finde ich zunächst schön und ich hoffe ihr verzeiht mir jetzt meinen sarkastischen Unterton: Es ist fantastisch, dass endlich mal einem erwachsenen Menschen aufgefallen ist, dass es in Frankenberg nicht nur Kinder, Familien und Rentner gibt. Ich höre nämlich die ganze Zeit nur “Familienstadt mit Zukunft” und frage mich ob irgendwer eigentlich schonmal bemerkt hat, dass hier in Frankenberg auch vereinzelt ungebundene Leute zwischen 16 und 28 rumlaufen, die man nicht ignorieren sollte. Wobei “ignorieren” möglicherweise der falsche Begriff ist. Wir werden ja nicht ignoriert.
Erinnert ihr euch an Dutzende Versuche, uns das Leben in Frankenberg ein bisschen schöner und abwechslungsreicher gestalten zu können? Die FZ Sommerinsel war ein guter Ansatz, hoffentlich kommt die im nächsten Jahr wieder. Club Triton sollte der Dauerbrenner werden, leider wurde uns dann allen klar, dass viele doch eher auf dem Ballermann-Tripp sind und sich damit gar nicht wohl fühlen. Der Pfingstmarkt ist irgendwie auch nicht mehr das was er mal war, eigentlich haben wir auch keine richtige Fußgängerzone mehr. Aber da sind andersrum auch wieder Aktionen wie Radio Frankenberg, Veranstaltungen wie Der Hirsch Rockt, die schon sowas wie Klassiker sind, Frankenberg hat tolle Bands und wenn ich mich so umschaue auch tolle Menschen zu bieten.
Aber in den letzten Wochen und Monaten kam mir der Gedanke, dass man akzeptieren sollte, dass einige Menschen zufrieden sind mit dem immer gleichen Scheiß vor ihrer Haustür. Und wenn sie es dann eben nicht sind, weil sie sich etwas besseres erhoffen, dann bleiben sie sowieso nicht hier, weil sie erwarten, woanders wartet die weite Welt. Ob das so ist oder ob man es nur so empfindet, weil man zwanzig Jahre lang sozusagen auf dem Bauernhof gelebt hat, kann glaub ich jeder nur für sich selbst beurteilen.
Wer nicht vor Langeweile zugrunde gehen möchte, fährt mit dem Auto ein und/oder zwei Stunden oder sucht sich ein Hobby wie grillen, Kino, bloggen, Musik, Gartenpartys.
Kinderspielplätze und Angebote für Familien sind wichtig, vielleicht haben wir Glück und es gibt in ein paar Jahrzehnten hier noch Familien. Vielleicht haben sich auch zu viele Menschen dazu entschlossen, doch lieber wegzugehen und Frankenberg besteht zu 85% aus Leuten über sechzig, die irgendwie für sich selbst sorgen müssen. Ihre Kinder und Enkel sind weg, weil man damals dachte man hätte ihnen geholfen, wenn man ihnen einen Jugendraum baut und einen Streetworker zur Seite stellt.
Manchmal, wenn ich Zeit dazu finde, grüble ich über diese Problematik und denke: Es muss irgendein Detail hier in dieser Stadt in unserer Gesellschaft sein, dass uns zum Bleiben, zum Wohlfühlen, zum Nachhausekommen motiviert. Aber ich weiß nicht was es ist.
Ich glaube, das Problem ist nicht das mangelnde Angebot. Recherchiert man mal für ein, zwei Stunden bemerkt man sehr wohl, dass hier in Frankenberg doch das ein oder andere passiert. Das Problem ist, dass wir von vorneherein davon ausgehen, dass wir uns mit nichts identifizieren können, dass das nicht “unseres” ist. Ich glaube, um sich verbunden zu fühlen mit irgendwas, braucht man eine gemeinsame Geschichte, eine gute Geschichte, irgendwie auch eine gemeinsame Vergangenheit und Zukunft. Wenn aus dem Nichts irgendwo ein Häuschen gebaut wird, das ab sofort mit seinen Räumlichkeiten allen jungen Menschen zur Verfügung stehen wird, dann wird es oft leer bleiben. Weil die Leute ja dann doch “romantischer” veranlagt sind, als sie es selbst vermuten würden.
Sie wollen etwas, was ihnen gehört, selbst wenn es nur eine Idee ist. Ein Ort kann von außen trostlos oder eher unscheinbar aussehen – wenn er für jeden einzelnen Menschen einen ganz besonderen Charme hat, dann wird er mit Leben gefüllt und so etwas gibt es nicht auf Knopfdruck. Ich denke sowas kann man ganz schwer planen und vorhersehen.
Alles was man tun kann ist, die Gruppen, die von sich aus etwas auf die Beine stellen wollen oder eine Idee haben, bestmöglich zu unterstützen. Ich denke, dass diese Unterstützung zu einem gewissen Teil durchaus da ist, unabhängig davon, wer nun am 27. September die Bürgermeisterwahl gewinnt.
Was nun diesen Streetworker angeht: Wir sind nicht Berlin. Halte nur ich das für eine übertriebene Idee oder geht es auch anderen so? Vielleicht wäre vielen schon geholfen, wenn sie einen Ort haben, wo es warm ist, wo es was zu essen gibt, und wo es Strom gibt für ihre eigene Musik. Oder treibt Sport mit denen. Wenn es etwas gibt, was Menschen davon abhält, wahnsinnig zu werden oder sich eine Waffe zu besorgen, dann sind es Musik und Sport.
Frankenberg ist ja nicht asozial. Frankenberg ist nur ein bisschen unmotiviert und irgendwie glanz- und planlos. Wir brauchen keinen Streetworker und eigentlich brauchen wir auch so viele Dönerbuden gar nicht. Der am Bahnhof macht tolle Döner. Und erstklassige Pizza. Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche.