Gute Erziehung
Freitagabends in der Dönerbude am Bahnhof hält die gute Erziehung mich davon ab, den beiden Teenie-Schlampen mit eventuellem Migrationshintergrund von hinten ins Kreuz zu springen, nachdem sie miteinander geflüstert und sich kurz zu mir umgedreht haben. Ich hätte dieses Bedürfnis auch bei Teenie-Schlampen ohne eventuellen Migrationshintergrund, aber das passt doch so ganz gut. Es ist die scheinbar gute Erziehung, die mich daran hindert, mein Hackebeil, das ich jeden Tag in einem Fach meines Rucksacks mit mir herumschleppe, auszupacken und es einmal demonstrativ durch die Luft zu schleudern. In dem anderen Fach transportiere ich Mett. Halb und Halb.
Jeden Morgen hindert die gute Erziehung mich daran, mir die Nummernschilder von allen Autofahrern aufzuschreiben, die innerhalb von Ortschaften nicht schneller als 45 km/h fahren, und sie anschließend wegen Behinderung anzuzeigen. Für mich sind diese 5 km/h, die bis zur Höchstgeschwindigkeit fehlen, eine mittlere Katastrophe. Die gute Erziehung hindert mich daran, mir einen Panzer anzuschaffen und für einen kurzen Augenblick mit 52 km/h hinter ihnen her – und schließlich über sie hinweg zu rollen. Das Brechen ihrer Knochen in meinen Ohren nähme ich in Kauf. Meine Erziehung hindert mich daran. Vielleicht ist es auch das Gesetz. Ich weiß nicht so genau. Wie teuer und wie schnell ist so ein Panzer?
Die gute Erziehung ist es ganz offensichtlich auch, die mich davon abhält, im fortgeschrittenen Rausch Samstagnacht um viertel nach zwei vor eine kleine Gruppe Minderjähriger zu treten mit dem Hinweis, dass der Vorstellungsgottesdienst erst um halb zehn anfängt und sie bis dahin ruhig noch für ein paar Stunden nach Hause gehen und sich ausschlafen können. Und dass es mich innerlich auf unangenehme Art und Weise aufwühlt, dass man ihre Intimpiercings durch den Stoff ihrer Höschen sehen, ja mindestens erahnen kann. Manche tun einem noch den Gefallen und haben Lidschatten mit Farbverlauf aufgetragen. Es ist herrlich leicht sie dann zu hassen oder irgendwie erbärmlich zu finden. Es ist verflucht schwer, die gute Erziehung zu ignorieren.
Abgesehen davon, dass die gute Erziehung mich auch daran hindert, eine Bank auszurauben, auf der Eisbahn als Geisterfahrer mit purer Absicht in eine Gruppe Schlittschluhläufer reinzubrettern oder beim Pinkeln die Klotür offen zu lassen, damit ich geil Scooter hören kann, ist sie ebenso verantwortlich dafür, dass ich bis heute nicht das Beitrittsformular für die R.A.F. unterzeichnet habe, das schon seit geraumer Zeit in meiner Schreibtischschublade unter ein paar ganz aktuellen Versicherungsschreiben liegt. Versicherungen sind übrigens auch Ausgeburten guter Erziehung.
“Und? Wen bumst du so?” – Diese Frage möchte man öfter beim ersten Kennenlernen stellen. Sich einfach mal originell in fremde Gespräche einklinken. Ihr wisst schon. Ein bisschen Elefant im Porzellanladen spielen. Es steckt schließlich in jedem von uns drin. Warum tun wir es nicht? Die gute Erziehung hat uns wieder einmal in der Mangel.
Ich bin mir sicher, dass – wenn es die Idee der guten Erziehung nicht gäbe – viele von uns viel öfter im Bademantel durch die Gänge schlendern würden. Die Gänge im Supermarkt meine ich. Im Supermarkt belügen wir uns übrigens auch immer wieder selbst. Zum Beispiel, wenn für kurze Zeit irgendein Nasenhaarentferner irgendeiner Markenfirma im Angebot ist und wir uns selber weismachen wollen, dass wir sowas nicht brauchen. Aber das ist ja gar nicht so. In Wirklichkeit braucht jeder einen Nasenhaarentferner. Aber die haben im Einkaufswagen ungefähr so viel Charme wie fünf Flaschen Wodka. Wir bestellen uns den Nasenhaarentferner dann lieber im Internet (hier möchte ich jetzt eigentlich geschickt einen Amazon-Link platzieren oder erwähnen, dass dies eigentlich ein von Trigami finanzierter Werbeeintrag ist). Und die fünf Flaschen Wodka kaufen wir in vier verschiedenen Supermärkten. Unlogisch. Eintauchen in die Menge. Gute Erziehung.
Die gute Erziehung verführt mich im Übrigen auch oft dazu, auf die Frage welche Musik ich denn höre, wahllos irgendwelche Namen in den Raum zu werfen, die keinen Verdacht erregen. Was immer gut kommt: Band of Horses. Oder Lykke Li. Oder “Ich bin so alternativ, ich höre keine Musik”. Die Wahrheit ist jedoch: Ich möchte aufspringen, die Faust ballen und laut anfangen “Love lockdown” von Kanye West in die Welt hinaus zu singen. Ähnlich verhält es sich mit Musik von David Guetta, Ex-Brooklyn-Bounce-Mitgliedern und “I give you my heart” von Mr. President. Sie wird oft nicht gespielt, weil der DJ zu gut erzogen ist. Mr. President erwähne ich, weil es jetzt gerade in diesem Moment läuft, während ich diesen Beitrag schreibe, der den Alltag aller schlussendlich leider doch nicht im Geringsten reformieren, jedoch für einen kurzen Moment für Erheiterung oder Zerstreuung sorgen wird, was niemand mehr bedauert als ich. Dam Dam Dubi Fucking Dam Dam Dubi Fucking Dei. Ihr wisst Bescheid.
Beim Kaffeetrinken mit der Verwandtschaft den Mund, in dem gerade ein mächtiges Stück Schwarzwälder Kirschtorte verschwand, weit aufreißen und rufen “Unfall im Tunnel!”. Öfter mal sagen “Ich hab´s mir anders überlegt.” Zum Beispiel vorm Altar, im Hochseilgarten beim Sichern eines guten Freundes oder beim Sex kurz vorm Abpfiff. Oder kurz nachdem man bei “Wer wird Millionär?” die Anfangsfrage richtig und am schnellsten von allen beantwortet hat und Günther Jauch gerade auf einen zukommt um einem die Hand zu schütteln.
Noch eine traurige Geschichte zum Schluss, damit ihr wirklich wisst wovon ich spreche. Neulich bin ich durch die Fußgängerzone gelaufen. Das hat sechs Minuten gedauert, woanders dauert das länger, tut aber hier nichts zur Sache. Jedenfalls sah ich da diesen Mann. Er gefiel mir. Er gefiel allen anwesenden Damen, ich spürte das auf Anhieb, ich spüre solche Dinge immer auf Anhieb. Ich wollte zu dem hinrennen und ihm aus dem ff “You´ve got the love” vorsingen. Hab ich nicht gemacht. Ihr kennt die Schuldige. Deine Mutter. Die Gute Erziehung.
Das muss irgendwann – und wenn auch nur für einen kurzen Moment – anders laufen. Bei manchen läuft es anders, aber das wissen die gar nicht. Bei einigen läuft es anders, weil sie blöd sind. Ich bin so frei, das mal zu sagen. Es ist unheimlich schwer einen halbwegs intelligenten Menschen zu finden, der seine gute Erziehung gelegentlich mal vergessen kann – und ich meine nicht Szenarien auf Festivals, in Duschkabinen oder anonym in der Popo-Lounge des Gay-Clubs einen Ort weiter. Nein. Im Ernst. Ihr wisst was ich meine oder?
Kanye West jetzt, Mann.


am Montag, 22. März 2010 um 11:15 Uhr
Nix Kanye West. Die Lösung ist simpel: Du brauchst ne Boombox. Boombox will change the world (;
http://www.youtube.com/watch?v=8yvEYKRF5IA
am Montag, 22. März 2010 um 11:24 Uhr
Erheiterung…I’m in love with you! :)
am Montag, 22. März 2010 um 11:26 Uhr
Ich hab grad gut gelacht. Especially: Oder “Ich bin so alternativ, ich höre keine Musik”.
Und weisst du was ich dann immer singe? ITS TEARING UP MY HEART WHEN IM WITH YOUUU.
Weil jeder ein bisschen *NSync im Leben braucht.
Franzi, schreib es, schreib ein Buch, ich dreh den Film dazu, kein Problem.
am Montag, 22. März 2010 um 11:27 Uhr
Ich mach die Fotos mit meiner Agfa von 1962 :)
am Montag, 22. März 2010 um 11:30 Uhr
[...] 22, 2010 von sirtoby Geil, gerade in den Kommentaren bei indigoidian gefunden :) [...]
am Montag, 22. März 2010 um 11:34 Uhr
[...] Leckt mich am Arsch, dieses Video könnte uns alle zu besseren Menschen machen. Danke an Phoenix für den Tipp in den Kommentaren zu meinem letzten Eintrag. [...]
am Montag, 22. März 2010 um 11:44 Uhr
Ach ja, einfach nur überragend.
am Montag, 22. März 2010 um 11:45 Uhr
Beim Kaffeetrinken mit der Verwandtschaft den Mund, in dem gerade ein mächtiges Stück Schwarzwälder Kirschtorte verschwand, weit aufreißen und rufen “Unfall im Tunnel!”.
R zum o zum f zum l
am Montag, 22. März 2010 um 12:13 Uhr
Ich könnte lachen, weinen und ausdrucklos gucken! Alles wird in diesem wirklich gnadenlos guten Beitrag aus meiner Gefühlswelt hervor geholt! Aber der UNfall im Tunnel ist das wohl größte was ich bisher gelsen habe! Danke Franzi
am Montag, 22. März 2010 um 12:18 Uhr
Wie kann ein Artikel der so ironisch beginnt am Ende so wahr werden? Hör auf mir das Hirn zu verdrehen…
am Montag, 22. März 2010 um 13:00 Uhr
Txt. Geil. Danke.
am Montag, 22. März 2010 um 13:13 Uhr
geiler scheiß! :)
am Montag, 22. März 2010 um 13:13 Uhr
[...] Lesebefehl! Gute Erziehung bei indigoidian. [...]
am Montag, 22. März 2010 um 14:18 Uhr
Super! Ach ja: Beim Jupiter Jones Konzert am Samstag haben alle laut zu “Jessie” von Joshua Kadison mitgesungen. War großartig.
am Montag, 22. März 2010 um 14:27 Uhr
Danke, seh das zwar etwas anders, is aber mal n anderer Blickwinkel.
Lache, wenns zum Weinen nicht reicht.
am Montag, 22. März 2010 um 15:15 Uhr
großartig!
am Montag, 22. März 2010 um 16:35 Uhr
hab ich da buch irgendwo gehört?
am Montag, 22. März 2010 um 17:34 Uhr
Ficken? :-D
am Montag, 22. März 2010 um 20:48 Uhr
Schöner Text. Liest sich gut.
am Montag, 22. März 2010 um 21:05 Uhr
Heftig gut!
am Dienstag, 23. März 2010 um 00:20 Uhr
bömbastique.
am Dienstag, 23. März 2010 um 01:47 Uhr
Jaaaar! Ich liebe dich.
Huch, ähm…ich finde deinen Text voll schön, du.
am Dienstag, 23. März 2010 um 11:22 Uhr
Wo ist der “gefaellt mir”-Button???????
am Dienstag, 23. März 2010 um 19:59 Uhr
klassisch…irgendwie
am Dienstag, 6. April 2010 um 21:50 Uhr
[...] “Gute Erziehung” [...]
am Mittwoch, 26. Mai 2010 um 16:28 Uhr
wow. you’ve got the love.