Endzeitgedanken
1. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Jahr 2009 als gut bezeichnen soll. Es gab viele schöne Momente. Irgendwie war das ein toller Frühling und ein toller Sommer, aber am Ende war das auch mit Trennungen verbunden, die zwar rückblickend betrachtet eher sanft ausfielen, aber trotzdem eine gewisse Leere hinterlassen. Gegen Ende des Jahres war ich oft allein mit mir selbst, verbunden mit Gedanken, die schwer einzuordnen sind. Wenn sich Euphorie und Traurigkeit die Hand reichen, kommt etwas sehr Seltsames dabei raus. Und ich habe sehr oft sehr schlecht geschlafen in diesem Jahr.
2. Dieser Dezember ist der erste Dezember seit einigen Jahren, bei dem ich mir nicht denke “Ach du scheiße” Mein Leben misst sich immer sehr an diesem letzten Monat im Jahr, in dem aus irgendeinem Grund immer etwas passiert, was mich an der Menschheit zweifeln lässt. Vor drei Jahren bekam ich an Silvester eine Sammel-SMS. Daran dachte ich vor ein paar Tagen. Dass ich vor drei Tagen eine SMS bekam von einer Person, die mir eigentlich etwas persönlicheres schreiben können, anstandshalber, und nicht dieselbe sms, die die anderen Schlampen oder alte längst vergessene Schulfreunde auch erhalten. Ich habe festgestellt, dass ich mich allerdings ebenso gut wie die Leute, die ich deswegen immer verfluche, ablenken kann von schlechten oder ärgerlichen oder traurigen Dingen. Und vielleicht ist mir das auch in diesem Jahr aufgefallen. Ich hab mich oft gefragt, ob ich Arschlochpotenzial habe und ich bekam nie eine Antwort, weil ich damit beschäftigt war traurig oder durcheinander oder vielleicht einfach nur besoffen zu sein. Ich war in diesem Jahr nicht wirklich traurig. Und mir ist aufgefallen dass Situationen oder Gespräche oder Gedanken, die mich eigentlich hätten wütend oder traurig werden lassen, mich plötzlich nicht mehr interessiert haben. Ich hab das Interesse an meiner Vergangenheit verloren, was das größte Geschenk ist, das man sich ab und zu machen kann. Ich erinnere mich. Natürlich erinnere ich mich. Aber die Erinnerung hinterlässt keine Spuren mehr. Ich habe jeden Raum betreten mit der Erinnerung, dass jemand mir mal gesagt hat, ich wäre oft so unsicher und unscheinbar. Es ist immer noch so, vermutlich. Nur denke ich nicht mehr daran. Es ist mir verfickt egal ob irgendwelche Menschen, die im Ganzen betrachtet größere Pussys sind als ich es jemals sein werde, irgendetwas von mir denken. Ich hab festgestellt, dass ich gewisses Mitleid habe mit Leuten, die von sieben Tagen in der Woche nur zwei sie selbst sein können oder ihr Leben genießen können und dass es nicht wichtig ist ob man Menschen besonders ansieht ob sie gerade etwas genießen oder nicht. Das beste was einem passieren kann ist dass man jeden Tag grundsätzlich derselbe Mensch sein darf.
3. Für das nächste Jahr habe ich mir entweder sehr viel oder überhaupt nichts vorgenommen. Schön wäre, zum Beispiel einem Mann zu begegnen, der noch nie im Leben gesagt hat “Ich möchte eine Frau, die selbstbewusst und unabhängig ist und weiß was sie will” und der auch noch nie im Leben den Wunsch geäußert hat, alles für eine Frau zu tun, sie zu beschützen, für sie da zu sein, mit ihr zu träumen und stundenlange Gespräche zu führen und alles erdenkliche tun, um ihr die Last des Alltags von den Schultern zu nehmen.
Manchmal frage ich mich, ob Männer denken, wir wären auf Alcatraz und hätten alle die Pest und bräuchten den letzten Segen. Während die andere Kategorie der Meinung ist, wir sind beim Football und laufen alle mit heraus hängenden Geschlechtsteilen und unserem 1a Studienabschluss in der Hand laut brüllend und gestriegelt über den Rasen. Ihr macht mir Angst. Geht weg. Alle, die weder in die eine noch in die andere Kategorie passen, haben sich entweder versteckt oder sind vergeben oder man ist mit ihnen befreundet und das Interesse ist schonmal nicht sexueller Natur. Ich werde euch begegnen und dann nicht zimperlich sein. Man könnte den Eindruck bekommen, ich wäre es. Ich heule in den ungünstigsten Momenten. Das schiebe ich auf meine emotionale Intelligenz. Und den Schnaps. Aber: Unterm Strich bin ich nicht zimperlich. Vielleicht schaffe ich es noch meinen Hüftspeck wegzutrainieren, das wäre dann eine gute Kombination.
4. Ich habe mich in diesem zu Ende gehenden Jahr oft nutzlos und irgendwie dämlich gefühlt. Eigentlich wollte ich in diesem Jahr umziehen oder ein neues Auto fahren und ein Buch schreiben. Das mag sich erstmal blöde anhören, aber so schwer ist das nicht. Das mit dem neuen Auto hat ja schonmal funktioniert. Die Sache mit dem Buch hat mich oft nachdenklich gemacht. Ich habe angefangen, einige kurze Szenen geschrieben, ein paar belanglose Notizen gemacht. Mir ist noch nie so sehr wie in diesem Jahr bewusst geworden, was für eine Verschwendung mein Leben wäre, wenn ich es so weiterleben würde wie bisher. Das mindeste, was ich tun kann, ist ein Buch schreiben. Vor einigen Jahren hab ich mal gesagt, dass ich bis zu meinem 30. Lebensjahr eine kleine Kolumne schreiben und ein Buch veröffentlichen möchte. Verglichen mit den Träumen anderer ist das nicht wirklich utopisch. Es gibt hier Leute, die wollen in ein paar Jahren einen Job bekommen, der etwas mit ihrem Studium zu tun hat. Das nenne ich mutig.
5. Gestern habe ich im Beisein meiner Freunde Malzbier getrunken, damit meine Brüste wachsen. Vielleicht ist das auch noch ein Vorsatz für 2010. Die Dinger müssen einfach ein bisschen größer und praller werden. Ich möchte auch mal mitreden können. Versteht ihr? Auch mal Mensch sein. Nicht immer nur auf irgendwas anderes reduziert werden. Es wäre schön, mal auf ein paar Titten reduziert zu werden. Hell fucking yeah.
Über dieses völlig unfertige Buch wollte ich eigentlich sprechen. Ich habe darüber nachgedacht. Jede Woche zwei oder drei Nächte. Zermürbend war das. Es hat sich dann etwas bestätigt, was ich eigentlich längst hätte wissen müssen. Ich werde nicht vorbereitet sein. Dinge, die ich vorher schon weiß und über die ich mir Gedanken mache, bringe ich nicht zu Ende. Man kann nicht einfach so darüber nachdenken, wie man eine Geschichte schreiben, wo sie spielen, was ihre Grundaussage sein soll. Ich hatte ungefähr sieben oder acht unterschiedliche Ideen, am nächsten Morgen hatte ich viele davon wieder vergessen. Ich wollte nichts typisch deutsches machen, ich wollte irgendwie frei sein in der Wahl der Namen und was den Ort und irgendwelche Hintergründe betrifft. Keine Geschichte die in irgendeiner Stadt in Deutschland im Jahr 2008 spielt oder so. Wie ätzend ist das denn bitte? Wir haben es doch schon schwer genug. Ich wollte eine Idee finden, die es mir ermöglicht, auszuraßten und zu spinnen und alles was mich inspiriert, vielleicht mit einzubeziehen. Situationen in Treppenhäusern, in Krankenhäusern, in Linienbussen. Ein bisschen Sin City ein bisschen was vom kleinen Prinz, einfach alles was in meinem Kopf ist. Situationskomik, Euphorie und Melancholie ficken sich und reichen sich die Hand in einem einzigen Satz, einem Halbsatz, einem Wort. Legendäre Dialoge. Ganz wichtig. Wer will nicht der Urheber von ein paar legendären Dialogen sein? Schreibe ich aus Sicht einer Person? Und dann sollte sie weiblich sein, das ist bestimmt einfacher, weil ich doch selbst zu 95% weiblich bin. Oder nicht?
Vorgestern bin ich mit einem Gedanken im Kopf eingeschlafen. Und gestern morgen habe ich es nicht vergessen. Und heute Nacht bin ich mit dem selben Gedanken wieder eingeschlafen.
Irgenwie war es klar, dass mir diese kleine, fast unbedeutende Idee nicht früher kam. Ich war damit beschäftigt mir ein weiteres Loch in den Arsch zu freuen darüber, dass ich die meisten von euch da draußen liebe, akzeptiere, prima finde. Hurra.* Man ist so sehr mit “Klarkommen” beschäftigt, dass die Ziele, die man eigentlich verfolgen wollte, in den Hintergrund gedrängt werden.
Ich freue mich also nicht nur auf das neue Jahr wegen all der vernünftigen Männer, die mir sicherlich plötzlich begegnen. (Tragt bitte im nächsten Jahr tagtäglich karierte Hemden und rasiert euch nur wenn es nötig ist. Seid männlich, seid wild, fällt ein paar Bäume, seid 1,80 groß, habt einen Bauchansatz und eine Schwäche für blöde Filme, gute Musik und mich. Meine Fresse, es wird ja wohl nicht zuviel verlangt sein. Malt euch nicht die Augenbrauen nach. Euer Job ist mir egal. Ihr müsst meine Freunde lieben und da sitzen und mit mir Malzbier trinken können. Das ist immens wichtig. War das jetzt eine Kontaktanzeige? Ähm…) Ich freue mich, weil ich im April vielleicht mal wieder nach Berlin fahre. Hoffentlich klappt das, denn ich freue mich auch auf eine berufliche Herausforderung, die mir in Zukunft viel Zeit rauben wird und das wird vor allem am Anfang sehr stressig.
Ich freue mich auf das Bobby-Long-Konzert im Januar. Bobby Long ist einer der besten Freunde von Robert Pattinson und ich würde gerne an dem Abend mit ihm herummachen. Es wird vor allem daran scheitern, dass ich es ihm nicht klarmachen kann, weil ich der englischen Sprache sicher vor lauter Aufregung nicht mehr mächtig sein werde. Ich weiß sogar schon was ich anziehen werde. Meine Fresse, ich werde very british aussehen. Wo war ich? Achso, die Vorfreude auf das neue Jahr. Es wird gut.
Ich werde ein Buch schreiben. Es wird schon deshalb geil, weil ich im Hintergrund viel inspirierende Musik laufen lassen kann, die mich an wieder neue Orte entführt und mich in die richtige Stimmung kommen lässt. Kylie Minogue. Die Rolling Stones. Jennifer Lopez. Techno-Musik. Und natürlich The XX.
Für 2010 wünsche ich mir außerdem eine Knutscherei mit ein paar Frauen (Ich habe Frauen in 2009 besser, geiler, hübscher, cooler gefunden als Männer. Das ist nicht nur so daher gesagt) und dass es endlich mal einen Blog in Deutschland gibt, der sich abgesehen von meinem und ein paar anderen guten Ausnahmen öffentlich gegen gehypte Scheißmusik ausspricht. The XX. Oh Mann. Tschüss. Und kommt gut ins neue Jahr.
*Was nicht heißt, dass ich mir nicht manchmal, wenn ich euch so sehe, mit meinem unheimlich schlecht gelaunten Pokerface denke [KIZ-Modus ON] “Ich fick euch alle. Ihr könnt mich auch alle ficken. Is mir scheißegal.” [KIZ-Modus OFF]


am Donnerstag, 31. Dezember 2009 um 18:21 Uhr
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Immersion I/O, Florian Helling erwähnt. Florian Helling sagte: RT @immersion_io: Endzeitgedanken http://bit.ly/8ZE6ge [...]
am Freitag, 1. Januar 2010 um 18:58 Uhr
Das Buch muss ich lesen.
am Freitag, 1. Januar 2010 um 19:42 Uhr
Das war das Inspirierendste, was ich zum Jahrzehntenwechsel gehört/gelesen habe, irgendwie! Fängt gut an.
am Samstag, 2. Januar 2010 um 00:04 Uhr
…tschuldige, hast du was geschrieben? War damit beschäftigt, auf deine Titten zu starren.
am Sonntag, 3. Januar 2010 um 14:01 Uhr
ich mag dich.