Das deutlichste Anzeichen dafür, dass du auf dem Dorf lebst
Du stehst Pfingstsonntag um kurz nach sieben auf und nimmst draußen diverse Geräusche wahr, die daher kommen, dass irgendein Vollidiot, der (die?) sich nicht zusammen reißen kann, hinterm Haus mit Gießkannen rumrennt und die Blumen bewässert, die du in Abwesenheit deiner Eltern bitte alle drei Tage gießen sollst. Ich hätte jetzt statt Vollidiot auch Nachbar oder so schreiben können, aber ehrlich gesagt finde ich Nachbar ein wenig unpassend. Denn es ist nunmal idiotisch und das Nomen dazu ist Idiot. Vollidiot!
Erstens: Ich war Pfingstsonntag zufällig schon früh auf den Beinen. Du Hirni hast sicher gedacht, ich hätte am Vortag gesoffen (wie alle “Jugendlichen” zwischen elf und einunddreißig) und läge noch in einem tiefen seligen Schlaf und würde diesen Akt der Liebe nicht mitkriegen. Fehlanzeige. Hirni. Fehl-an-zei-ge.
Zweitens: Ich hätte die Bullen rufen sollen. Ist mir scheißegal, ob das gute Nachbarschaft ist oder was auch immer und ob es angebracht wäre die Bullen zu rufen. Man gießt einfach nicht ohne spezielle Aufforderung anderen Leuts Blumen. Habt ihr euch eigentlich schonmal an den Kopf gepackt? Ich bin nicht so ein saufendes, zu nichts zu gebrauchendes Unding wie man vielleicht annehmen möchte. Nur weil eure Töchter alle mit Anfang Zwanzig heiraten, sich schwängern lassen und in ihrer knapp bemessenen babyfreien Freizeit Bücher von Nicholas Sparks lesen, weil die so schön gefühlvoll sind, heißt das nicht, dass das Gegenstück dazu – ich – zu doof ist eine Gießkanne zu nehmen und den Sträuchern Wasser zu geben. Wenn ihr eure Hälse mal gereckt hättet, dann wüsstet ihr dass ich das bereits am Donnerstag ordnungsgemäß gemacht habe. Seid ihr eigentlich bescheuert?
Drittens: Im Ernst… schnauf… ist das Nächstenliebe oder Frechheit oder Doofheit? Ich hab manchmal das Gefühl, diese drei Dinge liegen gefährlich nah beieinander.
Viertens: Wenn du anderen Menschen helfen möchtest, spende jeden Sonntag die Reste deines Essens der Tafel. Ok? Es gibt Leute unter uns, die haben nichts zu essen, denen geht es tatsächlich schlecht. Aber anstatt sich um Probleme zu kümmern, die wirklich existieren (wenn man sich schon unbedingt “kümmern” muss), machen diese Butterbirnen lieber so einen Schrott. Ehrlich, wenn du vorher gefragt hättest, wäre das kein Problem gewesen. Diese Welt wimmelt nur so von Leuten, die aus reiner Freundlichkeit heraus irgendwas Nettes machen, ohne zu fragen. Und dann wundern sie sich, wenn man ihnen gerne mal irgendwas in die Fresse hauen würde. Ja Achtung… das hier ist jetzt die Jugendsprache, willkommen in meiner witzigen Welt… danke dass irgendjemand Sonntagmorgens einfach ungefragt diese Scheiß Blumen gießt… ich lag da sowieso gerade würgend und heulend im Bett und hab mir die Arme blutig gekratzt. Kalter Entzug is scheiße, tut mir leid dass ich nicht mit lediglich einem Schlüpfer bekleidet, sturzbesoffen die Terrassentür aufgerissen und mich mit einem feuchtfröhlichen “Wir singen Humba Humba Humba Täterä!” bei dir bedankt habe, edler Blumengießer.
Fünftens: Wenn demnächst das aktuelle Programm der Volkshochschule bei jedem von euch im Briefkasten liegt, dann war ich das. Frech von mir, aber so isses eben. Und das hat auch seinen Grund. Denn, scheiße mal ehrlich, sucht euch ein Hobby. Ihr könnt nicht euer Leben lang irgendwelche Leute betüdeln, euch zu Tode langweilen oder euch für die Bepflanzungen anderer Erdenbürger aufopfern. Das geht so nicht. Das kommt scheiße rüber und das wisst ihr auch. Und wenn ihr es nicht wisst – jetzt hab ich´s ja wenigstens gesagt.
Am Arsch die Waldfee… meine Schilddrüse is wieder um ihre fünffache Größe angeschwollen und ich hab so einen Hals. Wie plemplem sind denn die Leute eigentlich. In Italien wär das kein Ding, da sind die Leute so. Da sind ja auch immer den ganzen Tag lang die Türen offen und die Leute arbeiten gar nicht richtig. Würd ich irgendwo in Palermo wohnen, hätte ich jetzt erstmal ein Fässchen spendiert. Aber wir wohnen hier in Deutschland und irgendwann muss mal eine Entscheidung her. So… Leute… will jemand von euch mit mir in ne WG ziehen? So für die nächsten vorerst 12 – 24 Monate irgendwo in Frankenberg. Ich will zwar nicht bezweifeln dass da auch viele beängstigende Menschen wohnen, aber da wird keine Pflanze auf den Balkon gestellt und da taucht so ein Problem gar nicht erst auf. Ich muss hier dringend verschwinden, obwohl ich in meinen eigenen vier Wänden lebe und obwohl ich bis eben auch noch die meisten da draußen sehr gemocht habe. Also… sind Leute hier anwesend, deren Nachbarn auch ungefragt ihr Grundstück betreten und da irgendein freundliches aber im Endeffekt nur zum Kopfschütteln anregendes Werk vollbringen? Wollt ihr euer Heimatdorf verlassen, wollt aber mit euren Finanzen auf Nummer sicher gehen? Dann meldet euch bei mir. Ich bin im täglichen Leben erschreckend unkompliziert. Gründen wir eine WG!!! Ohne Pflanzen!!!!!!!!!!! Am besten auch ohne Nachbarn, neben vielen leerstehenden Gebäuden!!!! Yes!!!!


am Mittwoch, 3. Juni 2009 um 21:52 Uhr
Frag mich mal nach meinen Nachbarn ^^
am Donnerstag, 4. Juni 2009 um 17:11 Uhr
Also ich würde mich freuen, wenn die Nachbarn solche Gießarbeiten für mich machen würden. *duck*