Im Triton gehen die Lichter aus und mir geht ein Licht auf

Wie heute in der Frankenberger Zeitung zu lesen ist, schließt das Triton Ende Juni seine Türen, um im Herbst mit einem neuen Konzept und neuem Namen wieder an den Start zu gehen. Für mich ist das eine der positivsten den Club betreffenden Nachrichten der letzten Wochen und Monate, denn “wenn du bemerkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab.” Andere Möglichkeiten siehe hier, u.A. kann man mehrere tote Pferde zusammen einschirren, damit sie schneller werden, oder man kann erklären, dass ein totes Pferd von Anfang an das Ziel war.

Vernünftige Menschen steigen aber wie gesagt erstmal runter von dem Gaul und schauen sich das Spektakel in Ruhe an.

Was kann man also tun, um einem Club, der sich ein halbes Jahr lang totgelaufen hat, wieder neues Leben einzuhauchen? Kann man überhaupt etwas tun? Gelten hier überhaupt noch dieselben Regeln wie in einer Stadt wie Frankfurt oder Berlin? Blöde Frage, natürlich nicht. Wir leben hier in Hessisch Sibirien, die Menschen hier zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie wenig bis gar keinen Geschmack haben, zum Teil noch über ein Modem ins Internet gehen, peinliche Ballermann-Hits hören und es als eine Sensation empfinden, einmal im Monat in den Cocoon-Club zu fahren. Hier gibt es nur noch wenige Kaufhäuser, noch nicht mal ein H&M und auch kein großes Kino.

Wenn ihr mich fragt, und die Tragik an dem ganzen ist, dass mich niemand fragt, dann braucht eine Kleinstadt, um überhaupt irgendwie mal aus der Hocke in den Stand zu kommen, einige wesentlichen Sachen, um nicht ausgelacht zu werden:

a) eine Autobahn (denn regelmäßig kriegen Menschen irgendwo zwischen Simtshausen und Wetter einen enorm großen Anfall, einfach weil sie da herumeiern müssen ohne Sinn und Verstand. Und dann jagen die die schweren Lkw´s dadurch! Ist doch klar, dass Oma Hannelore das auch nicht so prickelnd findet, wenn zwei Zentimeter vor ihrer Haustür so ein Viertonner den Trampelpfad entlang brettert. Fragt die mal, die wäre auch dafür!

b) eine Uni/Fachhochschule/Berufsakademie (die dann auch jeder kennt und die einem interessant erscheint, denn man kann in Frankenberg beispielsweise ein duales Studium zum Ingenieur für Fertigungs-prozessinformatik absolvieren, aber ich hab das Gefühl, das weiß kaum einer und selbst wenn, dann gehen diese Leute vermutlich eher in eine Großstadt, weil da einfach mehr Krawall und Remmidemmi herscht)

c) deshalb brauchen wir ein H&M. Denn wo ein H&M-Zeichen ist, da gibt es Klamotten und wo Klamotten sind da gibt es Frauen und wo Frauen sind, da herscht Leben, schon allein, weil unaufhörlich geplappert, geschnattert und gelacht wird, was viele Ingenieure abschreckt, aber – Überraschung – vielleicht könntet ihr ja mit der ein oder anderen mal ein Date ausmachen.

d) zum Beispiel im Kino. Nun verliert das Frankenberger Kino aber im Vergleich mit den Marburger Kinos und zwar weil es den Charme eines Dorfkinos hat. Wir wir aber alle wissen, sind Frankenberger Heranwachsende so dermaßen verzogen und verwöhnt, dass sie immer das bessere haben wollen, statt etwas zu unterstützen, was vor ihrer Nase ist.

Wie gesagt, diese Ameisen rennen lieber in große tolle Clubs als das lokale Angebot zu unterstützen, das ebenso gut ist. Die würden wie gesagt auch zum Studieren eher über Simtshausen nach Marburg fahren, selbst wenn sie in Frankenberg BWL studieren könnten. Weil es eben “nur” Frankenberg ist. Frankenberg hat nämlich nicht nur ein Kino-Problem, sondern auch totale Minderwertigkeitskomplexe. Es wird nämlich solange “nur Frankenberg” bleiben bis diese Volltrottel aufhören immer “auf dem Sprung” zu sein. Auf dem Weg zur besseren Party oder zum Einkauen in “richtige Städte” oder auf dem Weg nach Hollywood. Hier in Frankenberg scheint Sonntags die Sonne, es ist August, es sind angenehme 24 Grad um viertel vor sechs, vor zwei Monaten hat die Sommerinsel geöffnet, aber diese Trittbrettfahrer finden das zu unspektakulär und fahren lieber irgendwo an einen vollgeschifften See, wo es einfach urbaner ist, weil zehn Meter weiter drei vollgekiffte Studenten sitzen. Urbanes Flair. Wir binden uns ein Tuch um, holen uns einen Starbucks Kaffee und genießen den urbanen Flair. Weil wir immer auf dem Sprung, immer “fast bereit” sind. Deswegen findet hier nix statt. Weil die Leute sich wichtiger nehmen als sie sind.

Ich gebe zu, ich hätte auch gerne mit 27 ein Leben wie bei “How I met your mother” in einer großen Stadt in einer kuscheligen WG mit tollen Freunden in tollen Berufen und der Stammkneipe im Erdgeschoss. Aber die Stadt könnte auch genauso gut eine Kleinstadt sein. Es ist doch scheißegal wo man ist, solange man die Leute liebt, die dabei sind. Aber es muss ja immer mehr sein, bis irgendwann in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern zusammen nur noch 52 Leute wohnen, aber dafür in München, Berlin und Düsseldorf 83 meiner engsten Freunde auf engem Raum zusammen in einer Badewanne sitzen und sich einen urbanen Joint teilen.

Niemals werde ich mit Gewissheit sagen können, dass ich die nächsten Jahre hier bleibe. Mein Lebensentwurf ist nicht so unspektakulär und langweilig wie es hier in Beiträgen wie diesen den Anschein macht. Und ich bin zwar Realist, aber ich habe keine Angst vor wilden Affen oder fremden Menschen. Darauf bin ich stolz. Ich traue mir nur auch mit 29 noch etwas zu. Und ich hab das Gefühl es gibt zu viele Leute da draußen, die die falschen Faltencremes benutzt haben und keine Zeit mehr haben. Ich werde mit 32 noch, wenn alles gut ist, auf zwei gesunden Beinen auf ein Schiff gehen und segeln lernen. Ich muss das nicht jetzt sofort machen, ich muss nicht in Tränen ausbrechen, denn ich bin bis gestern noch ein Kind gewesen und ich packe mir nicht all diese Erfahrungen als Rucksack auf meinen Rücken, um mit vierundzwanzig im StudiVZ der Gruppe beitreten zu können “Golfen in Mexiko, Rudelbumsen und Hexenverbrennen in Kenia, Auslandssemester in Pakistan -  ich bin international!”

Ich werde viel Zeit auf Autobahnen verbringen in den nächsten zehn Jahren, denke ich. Und ich will 2010 nach Hawaii. Ich kann das Problem an der Sache nicht erkennen, also was soll´s? Ich mag meinen Beruf, ich fülle meinen Blog mit unnützen Dingen, ich liebe meine Freunde, egal wo sie sind, und ich will 2010 nach Hawaii. Ich kann den Haken an meinem Leben nicht erkennen, ich habe nur in letzter Zeit Menschen getroffen, denen man ansieht, dass ihnen etwas fehlt und oftmals sind es Freunde, die irgendwann auf der Strecke geblieben sind. Ich will ein Mensch bleiben, der Chancen wahrnimmt und öfter mal ja sagt, aber der sich nicht unter Druck setzt. Und die Grenzen zwischen beiden Welten sind fließend, fürchte ich. Abenteuerlust ist gut, solange sie von innen kommt und nicht von außen an einem rüttelt und schüttelt.

Was ich damit sagen will, wie gesagt: Frankenberg braucht ein größeres Kino. (Kann es sein, dass ich vom Thema abgekommen bin?) Frankenberg braucht Menschen, die ihre innere Unlust nicht mit äußerer Lebenserfahrung und irren Aktionen zu kompensieren versuchen.  Frankenberg braucht Menschen für die eine Fahrt mit dem Tretboot keinen nennenswerten Unterschied darstellt zu einem wahnsinnig aufregendem Flugzeugabsturz über New York. Frankenberg braucht irre, bekloppte, wahnsinnige Menschen.

Und Frankenberg braucht natürlich auch einen Club, ein Aushängeschild. Im Herbst wissen wir mehr, bis dahin können wir nur spekulieren. In welche Richtung soll der neue Name gehen? Wird man die Öffnungszeiten ändern? Wird die Werbung und vor allem die Umsetzung der Homepage sensationell oder wieder nur durchschnittlich? Verträgt sich der Stil und die Atmosphäre des bisherigen Clubs mit einem neuen musikalischen Konzept? Fragen über Fragen und sie zu beantworten wäre sinnlos, aber sicher werden viele Menschen sich in der nächsten Zeit den Kopf darüber zerbrechen. Ich zum Beispiel, ab nächste Woche auch zu erreichen unter www.stimme-des-volkes.blog.de. Hurra :)

10 Kommentare zu “Im Triton gehen die Lichter aus und mir geht ein Licht auf”

  1. Ben schrieb:

    nach diesen post weiß ich sicher, du hast sie nicht mehr alle.

  2. Niggo schrieb:

    Frankenberg befindet sich gewissermaßen in einem Teufelskreis. Einfachstes Beispiel das Kino. Das ist klein und popelig, hat vermutlich keine THX zertifizierung und die neueste Technik darin ist entweder Dolby Surround, oder die Klappsessel. Deswegen rennen alle nach Marburg. Wenn in Marburg der Kinosaal 4 mal leer ist, ist das eine Sensation, und man freut sich ein ganzes Kino für sich zu haben. Wenn das in Frankenberg geschieht ist man deprimiert, weil nix los ist. Und um was loszumachen müsste man was investieren. Geht aber nicht, weil nix los ist. Das ist alles erschreckend logisch und absolut unlogisch zugleich. Typisch Mensch eben. Ich glaube, da kommt Frankenberg auch so leicht nicht raus. Nichtmal wenn man ein Mega Fettes Cineplex oder Cinestar oder einen H&M hier hinpflanzen würde. Weil es erstmal Frankenberg bleibt. So sind die Menschen leider.
    Wenn ich die zwei Jahre von hier weg bin, werde ich merken, ob und was ich vermisse.

  3. Franzi schrieb:

    Hier kann man nicht mal eine MTV Campus Invasion machen, weil wir keinen Campus haben. Hahaha. Warum bauen die Herrschaften eigentlich keine Uni hier hin? Hätte ich Geld übrig, würde ich das machen und sie nach mir benennen lassen. Auch gut fürs Ego. Vielleicht sollten die hier mal weniger Kulturhallen und so einen Kram hinbauen.

    Wenn Marburg keine Uni hätte, dann wäre es doch streng genommen auch nur ein Vorort von Frankfurt ;-) Aber die Stadt hat wenigstens Persönlichkeit, weil da eben wenigstens “irgendwas” passiert, dadurch dass auf den Straßen mehr los ist. Allein durch diese nervtötenden Studenten und ihre immergleichen blöden Studentenpartys. Aber wenigstens passiert was.

    Wir brauchen irgendein Aushängeschild. Ein Festival und eine Akademie. Kompetenzteam “Festival für Frankenberg”, – möchte jemand mitmachen? Wahrscheinlich nicht, weil alle weg sind. :(

  4. CE schrieb:

    Der Beitrag gefällt mir! Aber eine Berufsakademie haben wir ja – und zwar auf meine Initiative hin in Frankenberg aufgebaut – dank des starken Engagements unserer heimischen Wirtschaft.

    Und genau deshalb gibt es hier: Systems Engineering und Fertigungsprozessinformatik – es gibt hier die Studiengänge, die für das Recruitung unserer heimischen Unternehmen besonders wichtig sind.

    An dem Ausbau der Hochschule arbeiten wir … und ein großes Festival haben wir doch auch ;-) den Pfingstmarkt … :-)

  5. Niggo schrieb:

    Ich würde den Vorwurf (wenn ich das so nennen darf) weniger der Initative zuschreiben, als viel mehr den Leuten, die hier wohnen. Die trauen sich aus ihrem Trott nicht so richtig raus. Aber ich finde es hat sich schon einiges getan in den letzten Jahren. Vielleicht gehts so weiter und wir werden mit Frankenberg doch noch eine Pulsierende Kleinmetropole haben.

  6. Dr. Schönbach schrieb:

    Meint ihr in anderen Städten sit das besser?
    Früher – als Dorfkind – war es immer eine riesen tolle Sache, wenn man nach Frankenberg gekommen ist. Verdammt, ich bin da sogar fast jeden Tag hingelaufen, weil da mehr los ist als in Schreufa. Später, als man dann ein Auto hatte und mobil war und Frankenberg einem mittlerweile ausgelutscht vorkam, ist man eben nach Marburg gefahren, weil da was total tolles geht. Mittlerweile ist uns ja nicht mal mehr das genug und wir planen mitm Taxi nach Hanau zu fahren, weil da ne Party ist.
    Ich wette es geht den Studenten in Marburg auch nicht anders. Wenn man erstmal eine Zeit dort gewohnt und sich eingelebt hat, wird auch diese Stadt langweilig und man fährt eben nach Frankfurt, um was zu erleben.
    Ich denke nicht, dass das was damit zu tun hat, dass Frankenberg “langweilig” ist (was ihc übrigens nicht denke), sondern dass es daran liegt, dass sich der Mensch an Dinge gewöhnt und eine Monotonie entsteht. Und das ist das schlimmste was passieren kann. Ich denke das ganze hat wenig mit dem mangelnden Angebot zu tun, als viel mehr damit, was man daraus macht.

  7. Franzi schrieb:

    @CE: Naja, ob man den Pfingstmarkt so als Festival bezeichnen kann… :) Da geht doch bestimmt noch mehr. Der Pfingstmarkt ist eine typische Familienveranstaltung. Aber hier leben immer noch genug junge Leute, die keine Kinder mehr sind, aber auch noch keine Familie gegründet haben. Und die werden irgendwie nicht wirklich berücksichtigt, hab ich manchmal das Gefühl. Wobei wir auch eine Generation sind, die wie gesagt nicht aus den Latschen kommt. Am Beispiel Triton erkennt man, wie schwer das ist.

  8. Hector Pascal schrieb:

    Wie oft, WIE OFT werde ich noch auf wwww.diese-spasslinks-werden-nur-volltrottel-in-ihre-adresszeile-kopieren.de hereinfallen?! Oder war Stimme-des-Volkes kein Scherz? Ich bin sowas von leicht zu verunsichern …

  9. basti schrieb:

    feiern im 1.000.000 € club. lööööl! meine empfehlung an die betreiber – macht einen puff draus, dann läuft der laden.

    es gibt absolut keinen grund wegen so einem 1.000.000 bauern-laden nach frankenberg zu kommen.

    es gibt vielleicht ländliche gegenden wo es gut laufende szene clubs gibt. der unterschied ist, das die betreiber plan haben.

    und den cocoon club kann bestimmt nicht mit dem triton vergleichen.

  10. n1Ls schrieb:

    “Frankenberg braucht irre, bekloppte, wahnsinnige Menschen.”

    Ich kenne genug bekloppte Menschen aus Frankenberg, aber das reicht ja anscheinend nicht ;)
    Ansonsten sehr schöner Artikel!

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