Es heißt Bube, Dame, König. Nicht Bube, König, Dame.
Ich weiß nicht inwieweit hier Leser dabei sind, die sich für Politik und die Rolle der Frau interessieren, aber weil ich regelmäßiger Leser des Blogs bin und die Landtagswahlen noch ganz frisch sind, möchte ich mal auf einen aktuellen Artikel der Mädchenmannschaft hinweisen, er sich mit der Frage beschäftigt ob Andrea Ypsilantis Rolle, wie sie in den Medien dargestellt wird, zu einem gewissen Teil von der Zahl der Männer beeinflusst wird, die für die jeweilige Berichterstattung zuständig sind.
Ich habe übrigens viele Männer in letzter Zeit über die Ypsilanti herziehen hören. Wir alle haben das. Wenn ihr Kerle seid, wird euch das nicht wirklich interessieren. Aber ich fand es irgendwie schon ein bisschen erstaunlich. Ich persönlich hatte das Gefühl, dass hier nicht nur die Partei, die Politikerin angegriffen und verurteilt wird. Und vor allem wie. Wenn ein Roland Koch Wahlversprechen bricht, ist er ein verdammtes Arschloch. Wenn eine Frau, in diesem Fall Frau Ypsilanti, ein Wahlversprechen trifft, ist sie eine schwache Persönlichkeit, wurde sie ihrer Position nicht gerecht, soll sie doch am besten zurück in ihr Puppenzimmer. Überhaupt… Frauen sind ja schwache Charaktere.
Ich finde es schade. Die Menschheit besteht aus zweierlei, man hat aber immer noch das Gefühl, dass wesentliche Bereiche immer noch von Männern dominiert werden. Männer haben das Sagen, Männer trauen sich an die harten Themen ran.
Ein armseliges Ungleichgewicht ist das. Ein Mann liest jetzt hier heraus: “Was will sie? Dass 50% der hohen Posten von Frauen besetzt werden?” Ich glaube keine intelligente Frau würde sowas wollen. Ich will nicht wissen in was für grellen Farben mir die Welt morgen begegnen würde, wenn 50% aller Chefsessel von Frauen besetzt wären ab sofort. Ich denke, Sodom und Gomorra wäre eine gemütliche Kutschfahrt dagegen. Aber, Scherz beiseite, verzichtet doch bitte mal auf diese imaginäre Schwanzverlängerung. Habt euch nicht so. Wenn eine Frau besser ist als ihr, warum freut ihr euch nicht mal? Seid ihr von vorneherein den grundsätzlich alle der Meinung, dass sie ein hysterisches, menstruierendes, dümmliches Wesen ist? Wenn die Evolution wirklich nur das mit der Frau vorgehabt hätte, dann hätten wir es noch nicht einmal bis hierhin geschafft. Dann wäre die Männerwelt in Gedanken immer noch mit Hexenverbrennung beschäftigt. Ich glaube an die kommunikativen Fähigkeiten, die Kombinationsfähigkeit und das Durchsetzungsvermögen einer Frau. Nicht generell, aber es gibt da ein paar. Sie sind nicht so rar, wie die Männerwelt es gerne hätte. Eine Frau kann Ungleichgewichte beiseite fegen. Zehn Männer – die sich einbilden jeder einzelne für sich mindestens genauso clever zu sein – können das nicht. Genauso wie es ein Märchen ist, dass Männer Angst vor Liebe und Partnerschaft haben (Haben sie nicht. Sie sind einfach nur tollpatschig und dämlich), ist es ein Märchen dass Frauen von Geburt an inkompetente, quasselnde, alberne Hexen sind. Hexen ja, aber der Rest kommt gar nicht häufig vor. Nun wisst ihr´s.
Also… Andrea Ypsilanti. Ist sie ein Problem für euch weil sie Titten hat? Oder ist sie ein Problem für euch, weil sie Versprechen nicht gehalten und absurde Dinge getan hat? Sollte das der Fall sein, und ihr habt das Recht dazu dass als ein Problem zu sehen, nehmt euch doch bitte zuallererst all jene Männer vor, die davor, währenddessen oder danach ebenso Versprechen nicht gehalten und absurde Dinge getan haben. Ich bin mir sicher… hüstel… ihr werdet den ein oder anderen Kandidaten finden.


am Montag, 19. Januar 2009 um 20:47 Uhr
Großartig! Helle Freude über diesen wunderbaren Text aus der Feder eines Mannes :)
am Montag, 19. Januar 2009 um 21:01 Uhr
Ich bin gerade ein wenig verwirrt. Ich bin gar kein Mann. Zumindest nicht wirklich :) Aber Dankeschön trotzdem.
am Montag, 19. Januar 2009 um 21:03 Uhr
Jetzt wo ich da drüberlese, merke ich, dass man aus den ersten Sätzen tatsächlich rauslesen könnte, dass ich ein Kerl bin. Ich muss an meiner Formulierung arbeiten hehe
am Montag, 19. Januar 2009 um 21:50 Uhr
hallo franzi,
vielen dank fuer dein erklärungsmodell. ich bekenne mich: ich gehöre zu den männern, die ypsilanti verbal angegriffen und ihr verhalten in einem höchstmass kritisiert haben … und ich würde es weiter tun, würde sie in der hessischen politik (noch) eine rolle spielen – tut sie aber nicht mehr.
frauen in führungspositionen ist ein vielfach diskutiertes thema. sicherlich kann ich qua meines geschlechts nur aus meiner sicht der dinge ein statement abgeben, aber für mich persönlich ist das geschlecht egal, die inhalte zählen und wie diese transportiert werden: das schafft respekt und “credibility”.
im konkreten fall von andrea y. halte ich ein aufwiegen des wortbruchs aus geschlechterspezifischen gründen für ein wenig zu kurz gesprungen. es ist meines erachtens egal, ob der-/diejenige, der/die (das, wer, wie, was, wieso, weshalb warum ;-)) den wortbruch begangen hat, ein mann oder eine frau ist. die jeweilig geschlechterspezifische rolle oder aber deren soziologische phänomene können den malus als solchen nicht relativieren. wortbruch ist wortbruch. basta. da ist es auch für den fall in der einzelbetrachtung egal, ob jemand – egal ob mann oder frau – gleiches vorher gemacht hat, das macht ihr verhalten nicht besser.
andrea y. ist kein problem, sie ist politische geschichte. jede frau, die etwas auf dem kasten hat, kann sich profilieren und entsprechende posten einnehmen, genauso wie jeder mann. ich darf vielleicht auch kurz in der diskussion erinnern, dass wir eine bundeskanzlerIN haben.
im übrigen hat karrieremachen nicht ausschliesslich etwas damit zu tun, dass jemand nur clever und schlau ist, nein, gerade – wie du es schreibst – die kommunikativen fähigkeiten (und damit meine ich nicht den klischeehaften kaffeeklatsch) und insbesondere emotionale intelligenz, ein gespür fuer beziehungen, menschen und situationen, sind grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein. da haben frauen eindeutig die nase vorn.
just my 0.02$
robert
am Dienstag, 20. Januar 2009 um 10:48 Uhr
Ächz. Ich finde, Männer sollten ruhig die Politik weitermachen, und alle hohen Posten besetzen. Dann haben wir wenigstens eine kollektive Rasse, über die wir uns beschweren können.
am Dienstag, 20. Januar 2009 um 12:24 Uhr
Ne Franzi so nich.
am Dienstag, 20. Januar 2009 um 16:56 Uhr
Hallo,
nein, ich glaube nicht, daß die Darstellung über Ypsilanti von männlichen Medienmachern beeinflusst wurde.
Der Aufschrei bei Ypsilanti hat meiner Ansicht nach folgende Ursache: Ypsilanti hat sich im Landtagwahlkampf 2007/2008 bewusst als Gegenmodell zu Roland Koch präsentiert. Zwar weniger eloquent, rhetorisch nicht so begabt ABER dafür menschlich, ehrlich, nett, bürgernah.
Es war also die SPD, die Ypsilanti als ehrliches, menschliches Gegenmodell zu Koch aufgebaut hat, da es der SPD klar war, daß Koch auf der Seite “Kompetenz” kaum anzugreifen ist. Siehe hierzu folgenden Bericht des HR über die Wahlkampfstrategie der SPD Hessen:
“Dabei weist Ypsilanti dem Amtsinhaber negative Attribute wie konventionell, machtbesessen und technokratisch zu. Für sich reklamiert sie Glaubwürdigkeit, Menschlichkeit und Engagement.”
Indem Ypsilanti dann als Lügilant plötzlich gezeigt hat, daß sie bereit ist, für die Macht ihre eigene (vermeintliche) Integrität in Frage zu stellen, hat sie der SPD sehr geschadet.
Der wesentliche “Sündenfall” war dann aber der Umgang mit Dagmar Metzger. Ich glaube, daß sich Ypsilanti dadurch bei den meisten neutralen Menschen das Wohlwollen verpielt hat.
So nebenbei zu der These, daß nur Männer an den Schlüsselpositionen sind: Bundeskanzlerin Merkel, Bundesministerin Schawan, Bundesministerin Zypris, Bundesministerin von der Leyen, Bundesministerin Witzorek-Zeul, Bundesministerin Aigner, Bundesministerin Schmidt …
;-)
am Dienstag, 20. Januar 2009 um 20:08 Uhr
Die einzige Frage, die ich mir stelle, ist: Hätte das alles genau so ausgesehen, wenn es stattdessen ein Mann gewesen wäre. Ich glaube nicht. Frauen sind emotionsgesteuerter, vielleicht wird deshalb anders mit ihnen umgegangen. Ich weiß nicht wie ich es sagen soll, aber es gibt immer Worte die bei einem Versagen einer Frau fallen, die man für Männer nie gebrauchen würde. Wenn ein Mann scheitert, dann war´s halt nicht sein Ding, dann muss er sich halt umorientieren, dann war er halt mal auf dem falschen Weg. Frauen sind inkompetent, wankelmütig, unentschlossen, haben nicht genug Biss. Das ergibt für mich einfach nicht immer einen Sinn.
Natürlich würde ich den Kommentaren im Allgemeinen zustimmen. Wobei ich nicht unbedingt finde, dass Ministerämter heutzutage noch Schlüsselpositionen sind. Aber das ist wieder etwas anderes.
am Mittwoch, 21. Januar 2009 um 00:34 Uhr
Schwer zu sagen, ob ein Mann in der Situation von Andrea Ypsilanti genauso behandelt worden wäre. Ich schätze nicht, aber in diesem Fall war Sie ein gefundenes Fressen. Weil die Rolle der Frau in führenden Position zwar modern ist aber das Klischee das sowas Männersache ist noch lang nicht aus den Köpfen der Bevölkerung verschwunden ist.
Und da sich in der SPD, Abgeordnete befinden die besser in die CDU passen würden, und die sich noch weniger mit den Linken auseinandersetzen wollen, war das ganze meiner Meinung nach reine Taktik.
Bei Angela Merkel, die wie ich finde auch nix zu melden hat, ist es was anderes. Die konservative Oberspießerpartei CDU schickt eine Frau als Kanzlerkandidatin ins Rennen. Da denken die Leute dann, oh eine Frau und sind ein bißchen skeptisch aber Emanzipation ist ja modern und wenn sie zu blöd ist wird ihr schon irgend ein Horst helfen, oder so. Außerdem waren zur Zeit der letzten Bundestagswahl die Leute auf Gerhard Schröder sowieso nicht mehr gut zu sprechen, weil der auch soviel Scheiße gemacht hat und weil die Probleme im Land nicht so einfach zu lösen sind. Warum hat die Linkspartei bei der letzten Bundestagswahl so große Zugewinne erreicht? Weil es zwischen SPD und CDU keine maßgeblichen Unterschiede gibt. Aber egal! Politik ist Religion weil man den Politikern Glauben muß :-D
Aber zum Thema Frau merke ich abschließend an. Sie können genauso gierig sein wie Männer. Und viellicht ziehen die Frauen die Fäden auf der Welt. Who knows.
am Mittwoch, 21. Januar 2009 um 18:39 Uhr
Und irgendwie ist es am Ende dann doch ein bisschen einfach, alles immer noch auf die ausgelutschte Mann-Frau-Sache zu reduzieren. Wenn es da überhaupt einen Unterschied gibt, dann den, dass mit Männern weniger zimperlich umgegangen wird. Ich habe noch nie irgendwo in einem solchen Zusammenhang gehört, dass eine Frau als ein – egal bei welchem Geschlecht völlig unangebrachtes – “verdammtes Arschloch” tituliert wird. Und das ist für mich nun wahrlich kein Nachteil. Frauen werden von der Gossenrhetorik her weniger hart ran genommen als Männer. Das liegt daran, dass man der Meinung ist, Frauen gegenüber müsse man rücksichtsvoller sein. Und greifen sie noch sehr in die Scheiße und wissen nicht was sich gehört. Dann ist sie eben einfach nur “eine schwache Persönlichkeit”.
Meiner Meinung nach spielen nur die Leute mit den klassischen pseudospießigen und gar nicht mehr so existenten Rollenverteilungen, die keine andere Idee mehr haben, den anders denkenden zu attackieren.
Kurz: Wenn weniger darüber diskutiert und dieser Kram aus der Kiste geholt würde, könnte viel schneller mehr Normalität diesbezüglich in den Köpfen eintreten.
am Mittwoch, 21. Januar 2009 um 19:49 Uhr
Richtig. Frauen werden weniger hart rangenommen. Männer werden beleidigt und als irgendwas tituliert (zum Beispiel von mir und von vielen anderen, die scheinbar keine anderen Ideen mehr haben, anders denkende zu attackieren) und Frauen werden andersrum als schwache Persönlichkeiten dargestellt. Und ich persönlich (ich persönlich, keine Ahnung was andere darüber denken) finde beides verkehrt, was mich aber nicht daran hindert gelegentlich meine persönliche Meinung zu sagen. Kraftausdrücke inklusive. So sehe ich es. Und wenn die Männer das anders sehen, ist das logisch, schließlich wollen sie sich verteidigen.Ich vermute allerdings dass, sollte jemals eine Frau der Meinung sein sie müsse sich und ihre Geschlechtsgenossinnen hier in einem Kommentar verteidigen, sie es schafft das zu tun, ohne die Haltung des Verfassers anzugreifen oder das ganze als pseudospießiges Klischee darzustellen.
Ich finde übrigens, dass man mit dem Begriff “schwache Persönlichkeit” im Vergleich zu “verdammtes Arschloch” nicht wirklich besser dasteht. Und ich träume von einer Welt in der man zu Frauen auf Grund alter Denkmuster nicht automatisch rücksichtsvoller ist als zu Männern. Leider kann ich das ganze nur aus weiblicher Sicht schreiben. Man liest selten, vor allem nicht in privat gehaltenen Beiträgen, über die Hilflosigkeit der Männer oder ihre Wut darüber, dass der ganze Feminismus-Kram, die Selbstverwirklichung (oder was auch immer) der Frau, ihnen scheinbar nicht besonders viel Platz lässt oder nur wenige blöde Rollen für sie übrig hält. So ist das :( Jeder bekommt eine Rolle zugeteilt, die ihm oder ihr nicht gerecht wird.