Narben

Der Beruf des Mediendesigners ist nicht nur äußerst gesundheitsschädigend, er ist auch lebensgefährlich und in etwa gleichzustellen mit dem Beruf des Stunt-Man.

Denn heute Morgen ereignete sich etwas durchaus Schreckliches. Bei dem Versuch, alte Folie von einem Auto zu entfernen, kam die Außenfläche meiner Hand, ungefähr im Bereich des Handwurzelknochens, in Berührung mit einem Heißluftföhn.

Ein Heißluftföhn ist ein Föhn, der besonders heiße Luft verströmt und deshalb heißt er auch Heißluftföhn.

„In Berührung“ bedeutet, dass meine Hand sich unmittelbar an dem Gebläse befand, sodass die heiße Luft ohne lange Umwege direkt auf dieses junge Stück Haut traf.

Ich bin jetzt ein menschliches Wrack. Die Narbe (ein halbmondförmiger vier Zentimeter langer Krater) ist schon auf die dreifache Größe angeschwollen und hat Blasen und Falten gebildet. Man könnte ihn filmen und das ganze als neu erkundete Marslandschaft ans Fernsehen weiterverkaufen.

Ich werde aber niemandem erzählen, dass ich aus eigener Tollpatschigkeit diese Narbe davon getragen habe, sondern eine interessante Geschichte erfinden. Ich habe mir zwei Storys zurecht gelegt und ihr müsst entscheiden, welche besser ist.

„Bei dem Versuch, eine Horde schreiender Kindergartenkinder vor einer Straßenbahn zu retten, kam mein Daumen unter die Schienen der Bahn. Das Bundesverdienstkreuz hängt jetzt über meinem Bett“.

„Beim Versuch, im Urwald von Französisch-Guayana einen Eingeborenen mit Pfeil und Bogen vor dem Maul eines Krokodils zu befreien, sprang mir ein wild gewordenes Flughörnchen auf den Arm und versuchte mir auf aggressive Art und Weise den Daumen meiner rechten Hand abzubeißen. Von meinem Schreien erschreckt, ließ das Krokodil von dem Eingeborenen ab und tötete das Flughörnchen. Ich warf mir den Eingeborenen über die Schulter und verließ fluchtartig und immer noch wild aus meiner Hand blutend den Tatort. Als ich den Eingeborenen zurück in sein Dorf brachte, empfing mich die ganze Truppe mit wilden Ritualtänzen und Ketten aus Obst und Gemüse und getrockneten Ochsenfleisch. Ich wurde umgehend zum Ehrenbürger ernannt und darf nun jedes Jahr meine neue Gastfamilie besuchen.“

Ich habe an derselben Hand übrigens noch eine Narbe. Die stammt von einer Person, die darauf am 30. August 2003 eine Zigarette auszudrücken gedachte. Noch drei Monate später sah das Teil aus als hätte mich jemand ans Kreuz schlagen wollen.

Ganz abgesehen von allen anderen Narben: Zwei Narben an meinem linken Knie, zwei Narben an meinem rechten Knie, eine Narbe unter meiner rechten Brust, eine Narbe unter meiner linken Brust, eine Narbe, die sich von meinem linken Schulterblatt einige Rippen entlang bis unter meinen Arm erstreckt, eine Narbe am Kinn, eine Narbe an der Stirn und last but not least eine Narbe mitten in meinem Gesicht, aus der später jemand gedankenverloren meine Nase formte. (Ich nehme an es ist meine Nase, denn sie befindet sich mitten in meinem Gesicht und bei anderen Leuten heißt das „Nase“, obwohl ich finde, dass meine Nase im Gegensatz dazu eher ein zufällig entstandener Knubbel ist)

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