Fitnesstagebuch – Das Zeitproblem. Oh und das Problem mit der Waage

1. September 2010

Der größte Feind der Motivation ist der Termin, das Ereignis, das Wochenende. Und das, was nach dem Wochenende kommt. Denn wenn du drei Tage lang frierend auf einem Campingplatz sitzt, dich sogar insgeheim danach sehnst, jetzt in Ruhe, fernab von Dixiklos und dem Suff zu trainieren, zu schwitzen statt zu frieren, dann kann es sein, dass du nach diesen drei Tagen wieder nach Hause kommst, und dich erstmal hinlegen musst. Tagelang. Tagelang musst du erstmal da liegen, in eine warme Decke eingepackt, in maximal-gemütlicher Stellung, ab und zu hebt sich träge dein Arm, denn du musst nach dem Teller mit den Pizza-Achteln greifen, die du genüsslich zu Dutzenden in dich reinschiebst. Njam.

Eine nie gekannte und selten erlebte Faulheit legt sich über deine kleine, frische, neu geborene sportliche Mentalität und drückt sie nieder um sie im schlimmsten Falle für immer dem Erdboden gleich zu machen.

Und so kommt es, dass dann zwischen deinem letzten Fitnessstudiobesuch und deinem nächsten Fitnessstudiobesuch zwölf Tage liegen.

Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste sind die Entscheidungen, die du an diesem Tag triffst. Zum Beispiel, dass du mal auf die Waage steigen könntest, die da so rumsteht. Manchmal siehst du fröhliche Menschen auf der Waage stehen, die dabei jubeln und singen und strahlen und einfach rundherum glücklich aussehen. Fuck you in die Fresse, das willst du auch. Also stellst du dich da drauf. Und was passiert? Nun, du bist nicht glücklich dabei und du strahlst auch nicht.

Nein, du stehst auf dieser Waage, guckt dir die Kiloangabe an, die sie anzeigt und greifst in Gedanken schon wieder nach dem Teller mit den Pizza-Achteln, weil dir in diesem Moment schmerzlich bewusst wird, dass das Leben sinnlos ist, dass Sport tödlich ist, dass du eh dick und schwabbelig bist und es keinen Ausweg ausdermisereherrgottnochmalwarum BRINGST DU DICH NICHT EINFACH GLEICH AUF DER STELLE UM?!!!

Du erlebst dein ganz persönliches Waterloo, denn dein Gewicht zeigt an erster Stelle nicht mehr die 5. Seit zehn Jahren steht da an erster Stelle eine 5. Du erinnerst dich, wie du damals einen Koller bekommen hast, als hinter der 5 mal eine 7 stand. Jetzt steht da eine 6. Eine 6 0 Komma 5.

Der Engel auf deiner Schulter weist dich mit sanfter Stimme darauf hin, dass es schön ist, dass du drei, vier Kilo an Muskelmasse zugenommen hast, schon nach sechs Wochen Fitnessstudio. “Bravo, Franzi!”, säuselt es, “Du bist auf einem richtig guten Weg. Es ist die Muskelmasse, Franzi, die Muskelmasse. Sieh nur, dein Arsch entfernt sich nicht mehr vom Rest deines Körpers, du bist in der Form deines Lebens!”

Der Teufel hält sich währenddessen den Bauch vor Lachen. Unter Keuchen und mit Lachtränen in den Augen weist er dich darauf hin, dass du einfach fetter geworden bist, daran besteht kein Zweifel, irgendwo muss die Pizza ja hin. Und das ganze Bier. Von wegen Muskelmasse. Vier Kilo pures Fett sind dazu gekommen. Was für ein Glück ich habe, dass die aktuelle Mode mir mit überweiten Blusen und Oberteilen die oberhalb der Knie enden, entgegen kommt, sodass ich meine massige, überwältigende Körpermitte niemandem zeigen muss.

Die beiden diskutieren noch eine Weile. Ich steige derweil mit gesenktem Kopf von der Waage runter. Auf dem Weg in die Umkleidekabine greife ich apathisch in das Glas voller Salzsstangen, die ich mir mit traurigem Blick in den Mund schiebe. Mitleidig werde ich von den anderen Mitgliedern angeschaut, jemand klopft mir leicht auf die Schulter und ich meine jemanden aus der Ferne “Kopf hoch, Dickes!” rufen zu hören.

Beim Weg über den Parkplatz gehe ich in Gedanken alle äußerlichen Gemeinsamkeiten zwischen mir und Cindy aus Marzahn durch. Die Welt hat sich gegen mich gestellt. Ich bin in den Grundfesten meiner Seele erschüttert und zugleich gelähmt.

Rund eine Woche später habe ich den Schreck beinahe wieder überwunden. Nachdem ich meiner Mutter davon erzählt habe, sagte sie: “Aber du fühlst dich nicht fett, du fühlst dich nicht so, oder?” Das hat mich unheimlich gut drauf gebracht. Nein, ich fühl mich nicht fett. Ich fühl mich wie 59 Kilo, nicht wie 60,5. Ihr Arschlöcher!!!! So!!!!

Ich werde weitermachen.

Arcade Fire – We used to wait

1. September 2010

Mir ist zwar bis jetzt noch nicht ganz klar, ob mir “The Suburbs” wirklich zusagt und ich es auch so in den Himmel loben sollte, aber das hier ist schonmal irgendwie ein Über-Lied.

Fund

31. August 2010

(via)

zitiert #382

31. August 2010

“Have no fear for giving in, have no fear for giving over, you’d better know that in the end It’s better to say too much then never say what you need to say again. Even if your hands are shaking, and your faith is broken even as the eyes are closing do it with a heart wide open. Say what you need to say.” (John Mayer – Say)

zitiert #381

31. August 2010

“People, even more than things, have to be restored, renewed, revived, reclaimed, and redeemed; never throw out anyone.” (Audrey Hepburn)

zitiert #380

31. August 2010

“I once dated a guy who kept part of himself hidden. He never gave anyone a chance to accept him. And in the end, everyone lost.” (Gossip Girl)

Shout Out Louds covern “Is there a ghost”

27. August 2010

Welches ist eines der schönsten Lieder aller Zeiten mit einem der wunderbarsten Videos? Dieses hier natürlich. Die Shout Out Louds, die meiner Meinung nach vor drei Jahren mit “Our ill wills” eines der tollsten Alben des Jahres rausbrachten, haben sich der Sache angenommen und das ganze ein wenig umgestaltet, unter anderem singen sie auf Schwedisch. Das klingt dann so:

Shout Out Louds – Spöken from Ted Malmros on Vimeo.

(via)

Fund

27. August 2010

Es ist Freitag. Wollt ich hier nur mal so anmerken.

(via)

Unsichtbare Lebensfreude.

26. August 2010

Auf abgeschirmt, einem Blog, den ich neulich entdeckte und für ziemlich ziemlich gut befand, ist zur Zeit der Beitrag “Du bist so hässlich wie das, was du sagst” zu lesen. Ein guter, ehrlicher Beitrag mit einem allgegenwärtigen Thema: Schönheitsideale und das Bewusstsein für den eigenen Körper, Wohlbefinden, auch wenn man nicht zu den Superschönen gehört, die zu beurteilen ohnehin eine sehr subjektive Angelegenheit ist.

Das Thema ist schwierig. Ich habe Komplexe, was mein eigenes Aussehen betrifft. Und ich glaube, das liegt zum Teil an mir selbst, zum Teil aber auch an meinem Umfeld. Und ich habe diese Komplexe nicht, weil ich mich irgendwie hässlich finde oder so. Ich finde mich gar nicht mal richtig hässlich. Ich finde mich sogar trotz meiner kränklichen Blässe, meinen lächerlichen dünnen, widerspenstigen Haaren und meinen wirklich ganz offensichtlichen Schönheitsfehlern manchmal schöner als einige andere. Ich habe nur dieses eine große Problem, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Die Gesellschaft erwartet Lebensfreude von anderen. Das tut sie, ohne zu wissen, was für den anderen Lebensfreude überhaupt ist. Die Gesellschaft erwartet auch, dass Lebensfreude sich immer durch strahlende Augen, einem Lächeln und positive Ausstrahlung äußert.

Lebensfreude ist für diese Welt bis zu einer gewissen Grenze sehr eng mit Schönheit verbunden,glaube ich. Und das ist auf der einen Seite richtig, denn es heißt, dass auch Menschen, die unter objektiven Gesichtspunkten nicht dem “Ideal” entsprechen irgendwie “schön” sind. Nicht für alle, aber für viele.

Während einige da draußen sich in ihrer Jugend jahrelang zu dick oder einfach unwohl gefühlt haben, habe ich mich auf Grund der regelmäßigen “Lach doch mal”-Kommentare unwohl gefühlt. Und fühle mich heute noch manchmal unwohl, obwohl es stimmt, dass man mit dem Alter gelassener damit umgeht. Aber wenn man jahrelang von teilweise fremden Menschen gesagt bekommt, man würde traurig, ängstlich oder irgendwie “bedröppelt” aussehen, dann wird das irgendwann ein Teil von dir selbst, den du nicht ablegen kannst.

Und bevor du den Menschen Vorträge hälst darüber, dass sie nur bedingt ihr Gesicht und ihre Mimik kontrollieren können genauso wenig wie sie in das Wachstum ihrer Plattfüße oder ihre Segelohren eingreifen können, verziehst du lieber schweigend deinen Mund zu einem kurzen, halbherzigen Lächeln, drehst dich halb weg und wünscht dir, du mögest bald besoffen oder unsichtbar oder eine Doppelgängerin von Lady Gaga sein.

Und ich glaube ja an Awesomeness und den ganzen Scheiß. Ich komme manchmal auf Ideen, ich habe manchmal Tage, ich erlebe Momente, manchmal bin ich dabei sogar nüchtern – da finde ich mich weder bedröppelt, noch sonst irgendwas, sondern ich weiß, dass ich wunderbar bin. Awesome. Schon im Kindergarten eine Legende sozusagen. Aber inwieweit kann man das wirklich steuern? Kommt das wirklich von innen heraus? Fällt nur mir auf, wo an der Sache mit der eigenen inneren Einstellung der Fehler ist?

Denn meine innere Einstellung ist gar nicht so verkehrt. Und ich glaube, das trifft fast auf die meisten Menschen zu, die ich kenne. Aber sie werden nunmal beeinflusst. Also kann deine eigenen allgemeine Awesomeness noch so unschlagbar und allgegenwärtig sein – wenn du da sitzt und jemand dir sagt “Bist du müde? Du siehst schlecht aus.” dann möchtest du ihm mit 120 Stundenkilometer ins Gesicht fassen. Aber du wärst damit trotzdem irgendwie im Unrecht, denn meistens kommen solche Aussagen von Leuten, weil sie einfach etwas sagen möchten, vergleichbar mit “Guck mal aus dem Fenster, es regnet.” Sie tun es nicht böswillig. Sie wissen nicht, dass dir beim Schützenfest im Jahr 1998 der Bürgermeister am Tisch schräg gegenüber saß und sagte “Kind, lach doch mal.” und dass du dich seitdem in dieser Angelegenheit, mir dir selbst und deinen Mundwinkeln und der Zornesfalte über deiner Stirn, nicht gerade gut fühlst. Und dass du Angst davor hast, mit 45 ganz genau so auszusehen wie die Bundeskanzlerin, weil du beschissene Gene oder sowas hast.

Ich bin also für niemanden schön. Das denke ich. Manchmal weiß ich es, oder glaube es zu wissen. Manchmal spüre ich sogar, dass ich nie einen Mann finden werde, mit dem ich mein Leben teilen kann. Weil er meine Lebensfreude nicht sieht und was bitte will ein Mann mit einer Frau, dessen Lebensfreude seine Augen nicht sehen? Soll er sich die Mühe machen sie mit etwas anderem zu sehen? Keiner da draußen sieht meine Lebensfreude. Sie ist ja auch unsichtbar. Man kann nur vermuten dass sich hinter dieser scheinbar “bedröppelten Fassade” und hinter dem Sarkasmus ein lebensfroher Mensch befindet. Ich stelle mich also ein auf ein Leben mit einem Kanarienvogel in einem Käfig und einer Katze und die Katze wird die ganze Zeit versuchen, den Käfig umzuschmeißen, während ich daneben sitze und stricke, dabei kann ich gar nicht stricken.

Andere werden nie jemanden finden, weil sie lebenslang hinter Gittern sitzen oder sich den Taliban angeschlossen haben oder weil ihr Horizont über wildes Sportficken nicht hinaus reicht oder weil sie ihre Karriere wichtiger finden oder weil sie Vollidioten sind. Ich werde nie jemanden finden, weil ich unsichtbare Lebensfreude mit mir herumtrage.

Ich meine, ich könnte Flugzettel verteilen mit einem witzigen Text von mir. Ich könnte durch den Club und die Einkaufspassage und durch die Kinoreihen marschieren und Flugzettel verteilen. Ich stelle mir das gerade bildlich vor, mit meinem traurigen Gesicht, wie ich die Leute störe und ihnen den Flugzettel in die Hand drücke mit den Worten “Du weist es jetzt noch nicht und du kannst es auch nicht sehen, aber ich bin ein freier, wunderbarer, bisweilen fröhlicher Mensch und ich habe sogar ein eigenes Hobby.”

Ich vermute, dass viele Menschen in meinem Umfeld, denen ich eine positivere Ausstrahlung zugestehe, insgeheim deutlich trauriger sind als ich. Vielleicht sogar nachdenklicher. Und unausgeglichener. Ich möchte das nicht einfach so behaupten, um mich selbst als eigentlich cooler, relaxter Underdog darzustellen. Es ist nur eine Vermutung. Und ich weiß, dass ich anders mit Gefühlen wie Trauer oder einfach schlechter Laune umgehe als manch andere, weil man mit mir andere Dinge in Verbindung bringt.

Schönheit ist vergänglich. Vielleicht bin ich deshalb froh, dass ich keine langen, dicken, glänzenden Haare, keine makellose Haut habe. Was ich habe ist längst nicht so vergänglich wie das, was schöne oder deutlich besser aussehendere Menschen besitzen. Irgendwie bin ich nicht dafür geeignet, eine gutaussehende lebenslustige, gesunde, großartige 25jährige zu sein. Aber ich freue mich beinahe über jede Falte, die sich neben meinen Augen bildet. Könnt ihr euch das vorstellen? Lachfältchen. Die senkrechte Zornesfalte über meiner Stirn habe ich akzeptiert auch wenn ich mich nie mit ihr anfreunden werde. Manchmal, wenn die Sonne ungünstig steht, habe ich das Gefühl deswegen auszusehen wie ein Ork.

Ich schleppe gedanklich viel Mett in meinem Rucksack mit mir herum und ich werde nie supersexy sein. Auch nicht sexy. Wenn ich im Fitnessstudio sitze und trainiere, sehe ich möglicherweise aus wie ein Mops. Ich mache dabei ein zerknautschtes Gesicht.

Trotzdem ist das mit der Schönheit und der eigenen Perfektion Wahrnehmungssache. Und die Selbstwahrnehmung täuscht einen immer wieder, mal ist sie positiver mal negativer. Wer oder was ist man in der Realität? Ein Bekannter sagte neulich zu mir, er würde niemanden kennen, der so viele unterschiedliche Gesichtsmimiken drauf hat. Ich weiß nicht ob er die 20 unterschiedlichen Grade der Zerknautschtheit meines Gesichts meint, aber er hat es nett gemeint, denke ich. Ich bin nicht für alle leblos und traurig. Vielleicht bin ich es nur für die Idioten. Vielleicht bin ich es nur für die, die mit vier aufgeregten, lebhaft schnatternden Schwestern aufgewachsen sind oder eine elfengleiche, ekelhaft quitschvergnügte Freundin haben und auch noch drauf stehen, sich aber manchmal beschweren, dass sie nach der Arbeit nie ihre Ruhe haben. Vielleicht bin ich es nur für die, die völlig anders erzogen wurden.

Der Freund einer meiner besten Freundinnen mag mich. Und ich halte ihn für intelligent. Und lebenslustig. Es mag schon seinen Grund haben, dass ein intelligenter, lebenslustiger Mensch vielleicht mich eher mag als andere Menschen mit anderen Persönlichkeiten. Vielleicht, weil Menschen wie ich nicht das Ruder an sich reißen, um zu spüren, dass sie leben, vielleicht weil ich nicht besonders anstrengend bin. Vielleicht weil ich nicht mal annähernd so bekloppt bin wie Menschen, die neben mir normal, angenehm, ausgeglichen, klug und ehrgeizig erscheinen. Und das muss ich mir ab und zu selbst vorsagen. Dass Menschen, intelligente, tolle Menschen, mich schlicht und einfach mögen. Denn man vergisst es so leicht in der Masse der Menschen, die idiotische Dinge tun und sagen, die mit idiotischen Menschen zusammen sind, die eine Abneigung gegen Minderheiten haben oder Statussymbolen hinterherhecheln.

Wann verschwindet dieser eine Komplex? Wann macht er Platz für die Dinge, von denen ich weiß, dass sie da sind? Wann platze ich, weil die allgemeine Awesomeness wächst und gedeiht und dann plötzlich an Grenzen stößt, die ihr eine Zornesfalte und ein paar schlechte Erfahrungen, ein paar lächerliche Kommentare aus der Vergangenheit aufzeigen?

Wir sind was wir sind und wer wir waren. Und wer wir waren ist ein bisschen auch wer wir sein werden, aber das muss nicht alles sein. Und manchmal müssen wir daran glauben, dass es Menschen gibt, für die Schönheit nichts mit Makellosigkeit zu tun hat. Menschen, für die Makellosigkeit nicht von Bedeutung ist, die etwas sehen, auch wenn es für viele andere nicht sichtbar erscheint.

zitiert #379

25. August 2010

“But I remembered one thing: it wasn’t me that started acting deaf; it was people that first started acting like I was too dumb to hear or see or say anything at all.” (Chief Bromden, One Flew Over A Cuckoo’s Nest)